schweizer migrationspolitik - die feministisch-rot-grünen gutmenschen in aktion
ein guter text aus den MSM über die folgen der scheinheiligen multikulti-ideologie. im anhang die kommentare von schweizer frauen, viele auch aus dem multi-kulti sumpf. solche feministischen ethnologinnen sind mitverantwortlich für diese exzesse von geistig minderbemittelten flüchtlingshelferinnen, wie im punkt zehn beschrieben. diese schreibtisch-täterinnen sollten für diese verbrechen zur veranwortung gezogen werden..

tipisch für ihre argumentation:

  1. Der neue Faschismus kommt von links: SP und Grüne befürworten die faschistische EU. Linke und Grüne sind zu Helfenshelfern der Globalisiererer mutiert. Sie unterstützen den tiefen Staat in seiner asymetrischen Kriegsführung gegen Europa zur Zerstörung der Nationalstaaten - der Gipfel der politischen Perversion.

  2. Gutmenschen sind psychisch krank. Und zwar im klinischen Sinn

  3. Sie beleuchten nur die Symtome, aber nie die Ursache - den tiefen Staat.

  4. Die strategie des tiefen Staates -  NATO, EU, MMM - ist kein Thema: Der Kalergi-Plan und die Abschaffung der europäischen Völker – Merkel erhielt 2010 Kalergi-Preis Epoch Times 22.6.18   Im Kalergi-Plan wird seit 1922 die Abschaffung der europäischen Völkervielfalt angedacht, eine "Alternativlosigkeit" des Planes wurde herbeigeredet ... und Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde 2010 mit dem "Europapreis" der "Coudenhove-Kalergi Stiftung" ausgezeichnet.

  5. Sie unterscheiden nicht, zwischen echten Flüchtlingen (ca. 5%) und Migranten.

  6. Migration drückt die Löhne des Niedriglohnsektors. Den Ethnologinnen und SP-Frauen der Integrations-Mafia ist das egal, sie haben als Akademikerinnen hochbezahlte Jobs. Als Feministinnen wollen viele keine Kinder - sondern Karriere. Sie verteidigen mit der Flüchtlings-Ideologie ihre gut bezahlten Jobs und denken meist nicht weiter.

  7. Flüchtlingshelferinnen in Schweden nehmen sich auch junge Migranten als Lover nach hause ins Bett. Ein Beispiel aus dem Vorreiterland für Multikulti - mit einer linken, feministischen Regierung: Die psychologische Kriegsführung gegen Frauen. Niki Vogt beschreibt hier sehr gut, die Abgründe der psychologische Kriegsführung: Die neue Unterwürfigkeit der weißen Frau im Zeichen des krampfhaften Gut-menschentums   ...  Nehmen wir den Bericht über einen Vorfall in Schweden: Eine 45jährige Schwedin und Feministin, die in einem Flüchtlingszentrum in Sölvesborg arbeitete, begann ein sexuelles Verhältnis mit einem angeblich 18jährigen, afghanische Flüchtling...
  8.  
    Die Hauptausgabe der Schweizer Tagesschau berichtete am 30.7.2017 über Ferien-Zwangsheiraten und Heiratsverschleppung. Im Beitrag, der auch Aussagen einer Betroffenen und von Fachstelle Präsidentin Anu Sivagensan enthielt, wird die aktive Rolle des österreichischen Aussenministeriums positiv hervorgehoben. Die Fachstelle Zwangsheirat plädiert seit längerem dafür, dass das erfolgreiche „Modèle Bern“ einer effizienten und effektiven Zusammenarbeit zwischen Betroffenen, NGO und Behörden auch auf Bundesebene zur Anwendung gelangt.

  9. Asymetrische Kriegsführung heisst Krieg auf allen Ebenen. Der Wirtschaftskrieg gegen Europa tobt auf allen Ebenen. Hier zwei krasse Beispiele aus unserer Flüchtlingspolitik aus Deutschland und der Schweiz - wir Steuerzahler bezahlen..
      
    Doku: Gnadenloser Wirtschaftskrieg mit Asylanten?
    26. November 2016 | www.kla.tv/9438 
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  10. Die Zerstöhrung unserer Schulen durch die Migrations-Mafia

    Wiener Lehrerin bricht ihr Schweigen über Migranten-Schüler - Schulen ausser Kontrolle Es ist soweit, dass eine Vertreterin der sozialdemokratischen Lehrergewerkschaft, Susanne Wiesinger, nun an die Öffentlichkeit gegangen ist. WICHTIG: Folgendes als Mail + als Flyer verbreiten: VEREINTE NATIONEN FORDERN BEVÖLKERUNGSAUSTAUSCH VON DEUTSCHLAND1 

     

     
     

Schweiz:

Zwangsheirat und die Multikulti-Ideologie der Linken und Grünen

...Deshalb funktioniert die Integration nicht mit jeder Generation besser, sondern sie beginnt mit jeder Importbraut und jedem Importbräutigam wieder bei null.

 ... Was mich wütend macht    Elisabeth Wallimann
Was mich an dem Thema wütend macht, ist dass die in Ihrem Artikel beschriebenen Männer aus dem Balkan und der Türkei auch mich so behandeln. Hier, in meinem Land. Was im Kosovo mit den Frauen passiert, müssen diese Frauen selber verantworten. Aber was hier passiert, dafür trägt unsere Gesellschaft genauso die Veratwortung, ob es jetzt Schweizer oder Zugezogene betrifft. Hier werden auch wir jungen Schweizer Frauen Opfer von Belästigungen und die älteren Frauen erst recht. Genau deshalb bin ich aus der SP ausgetreten. Weil sie meine Ängste nicht ernst nimmt. Diese Ängste sind durchaus real. Auch die der jungen Männer, die Samstagnacht ungewollt in Schlägereien verwickelt werden von vor Clubs wartenden Jugoslaven die nicht reingelassen wurden. Weil sie, kaum drin, alle Frauen anmachen und belästigen, sich vollaufen lassen und am Ende mit anderen Männern prügeln. Nicht alle sind so, aber viele. Die Polizei, vor allem in Luzern, schaut weg. Kein Wunder wenn junge Leute dann rechts wählen!

Die Folgen falscher Toleranz
Martin Beglinger
Sehr geehrter Herr Federer, Beginnen wir mit Ihrer Schlussfrage: «Sollten etwa sprachbehinderte Einbürgerungswillige nicht eingebürgert werden können?» Wenn Sie mit «sprachbehindert» zum Beispiel einen schweren Legastheniker meinen – der folglich mit jeder Sprache seine Mühe hat – dann ist er eine Ausnahme und soll als solche behandelt werden. Auch in einem Einbürgerungsverfahren. Nur sollte man nicht mit den Ausnahmen politisieren. Entscheidend ist der Normalfall, und wenn wir schon bei den Einbürgerungen sind (auch wenn dies nicht das Thema meines Artikels war), dann meine ich doch in aller Deutlichkeit: Nein, wer nicht akzeptabel Deutsch oder eine andere Landessprache spricht, der wird nicht eingebürgert. Und auch nicht gemeinsam, wenn ein Familienteil gut und der andere aber so gut wie gar nicht Deutsch spricht. Ich halte es hier mit Ihrem grünen Parteikollegen und Integrationsbeauftragten Thomas Kessler in Basel, der bei jeder Gelegenheit wiederholt: «Ich bin ein Freund von klaren Standards – wie auch von der Durchsetzung dieser Standards». Freiwillige Sprachkurse, sehr geehrter Herr Federer, nützen so gut wie nichts, gerade bei importierten Ehefrauen. Denn sind die Kurse freiwillig, ist es in aller Regel der Mann, der für die Frau entscheidet. Und er sagt oft genug nein, obwohl sie noch so gerne teilnähme, wie Ihnen die Luzerner Integrationsfachfrau Ylfete Fanaj (SP) gerne bestätigen wird. Ihr Parteikollege Hans Stutz mag noch lange in der «Neuen Luzerner Zeitung» gifteln gegen verpflichtende Sprachkurse mit dem angeblich «gruseligen Charme bevormundender Fürsorge». Falsche Toleranz fördert nicht die Integration, sondern die Isolation.


Spielwiese der Völkerkundlerinnen
Helena Vogler
Zur falschen Zeit auf den falschen Planeten gefallen. Diese Tragödie läuft wohl, wie viele wundersame Dinge, unter dem Etikett «Flüchtlingswesen». Werkstatt und Selbstverwirklichung kirchlicher, links-roter, links-grüner Multikultischwärmer und, wie ich in diesem super Artikel erfahren habe, Spielwiese von reiseunlustigen Ethnologinnen mit Winnetou-Syndrom. – Ich könnte aus der Haut fahren, wenn ich sehe, wie gerade viele Frauen alles verschlimmbessern und rasch mit Rassismusvorwürfen zur Hand sind, derweil ihnen die Machos auf der Nase umhertanzen. Klar, die Ladies wollen ihre Jobs behalten. Kleiner Lichtblick immerhin: Sprachkurse als Frauenbefreiungsbewegung. – Im Jungfrauenkult gehe es selten um Leben und Tod, meint die Ärztin leichthin. Darum geht es aber sehr wohl. Nur werden Ehrenmorde in der Regel als Unfälle schöngeredet.

Bis dass der Zwang euch bindet

...

Aus Das Magazin

Quelle: http://www.dasmagazin.ch/
(Quelle existiert nicht mehr)
http://www.zwangsheirat.ch/

Er braucht etwas «Unverdorbenes», also eine aus der Heimat importierte Braut.
Bild: Benjamin Güdel
Sie soll froh sein, dass für sie der «Richtige» gefunden wurde.
Bild: Benjamin Güdel

 
Tausende von Bräuten aus dem Balkan, der Türkei und Sri Lanka werden jährlich in die Schweiz geholt. Da gibt es nichts zu feiern.
 
Inhaltsverzeichnis 
* 1 Das arrangieren sie schon
* 2 Kranke Toleranz
* 3 Planet der Patriarchen
* 4 Wieder Jungfrau
* 5 Winnetou reitet wieder
* 6 Zu viel Folklore


Bald ist wieder Saison. Sommer für Sommer fahren und fliegen Tausende von Migrantenfamilien aus der Schweiz für zwei oder drei Wochen in ihre Heimatländer, um dort Ferien zu machen. Und um Hochzeiten einzufädeln. Von der Heiratssaison 2002 in Bosnien kann zum Beispiel Lejla berichten, die in Wirklichkeit anders heisst, aber nie mit richtigem Namen an die Öffentlichkeit träte. Zu schwer wiegt für sie die Schmach.



Lejla, heute 23, sitzt in einem Hinterzimmer in der Nähe von Aarau und erzählt, wie sie im Juli 2002 Besuch aus der Schweiz erhielt. Ein bosnischer Vater, eine Mutter und deren Sohn standen an ihrer Haustür in Srebrenica. Fremde Leute, die Lejla noch nie zuvor gesehen hatte. Die junge Frau wusste einzig von ihrem eigenen Vater, dass sie diesen bosnischen Eltern aus der Schweiz bei einem früheren Besuch in Srebrenica auf der Strasse aufgefallen und offenbar als valable Ehefrau für ihren Sohn Mersad* taxiert worden war. Lejla war zwar etwas überrascht von diesem Interesse, denn sie war damals erst 18 und hatte eben Arbeit als Coiffeuse gefunden. Handkehrum war diese Art des Kennenlernens nichts Aussergewöhnliches im ländlichen Bosnien.

So unternahm Lejla mit Mersad, der ebenfalls erst 18 und im dritten Lehrjahr war, ein paar Spaziergänge. Ihr Vater hatte zwar erklärt, sie dürfe auch Nein zu einer eventuellen Heirat sagen, doch Mersad war ihr sympathisch und wurde es beim Telefonieren und Simsen in den nächsten sechs Monaten immer mehr. Lejla kannte viele junge Leute, die in den letzten Jahren Srebrenica verlassen hatten, jene Kleinstadt, die 1995 schreckliche Bekanntheit durch ein Massaker an mehr als 7000 Bosniaken erlangt hatte. Doch sie selber, Tochter eines Polizisten, hatte nie ans Auswandern gedacht, bis sie Mersad kennenlernte. Im Dezember 2002 wurde geheiratet, im Februar 2003 zog Lejla offiziell und ohne grössere Formalitäten in die Schweiz nach, denn ihr Mann hat die Niederlassungsbewilligung C und damit Rechtsanspruch auf Ehegattennachzug. Mersad wohnte bei seinen Eltern, die auch für alle Kosten des Nachzugs aufkamen, und es war nur selbstverständlich, dass seine Frau ebenfalls in die Viereinhalbzimmerwohnung der Schwiegereltern einzog.

Dort lernte Lejla aber bald Mersads andere Seite kennen. Nach ein paar Wochen war es vorbei mit der ersten Romantik. Er blieb nächtelang von zu Hause weg. Ihr Mann, so realisierte Lejla bald, hatte hier eine Freundin, eine Schweizer Freundin, und zwar seit Langem. Das wussten auch seine Eltern, denn dies war der Grund, warum sie in Bosnien auf die Suche nach einer Schwiegertochter gegangen waren. Die Braut aus der Heimat sollte ein Disziplinierungsmittel sein, um ihren Sohn wieder auf den Pfad der Tugend zu bringen. Eine Schweizer Schwiegertochter hingegen war undenkbar für diese Eltern, obwohl sie seit 25 Jahren in der Schweiz leben. Sie wollten eine «unverdorbene» Frau für ihren Sohn, eine, die spurt, nicht aufbegehrt, kurz: eine «anständige» Muslimin, und deshalb war für sie nur eine «uvozena nevjesta», eine importierte Braut aus der Heimat infrage gekommen.

Mersad wiederum hatte nur deshalb in die Heirat eingewilligt, um endlich Ruhe vor seinen drängenden Eltern zu haben – und um sich dann wieder seiner Schweizer Freundin widmen zu können. Alles Einreden auf ihn nützte nichts, er gab seine Schweizer Freundin nicht auf. So begannen die Eltern bald, die Schwiegertochter zu beschuldigen, dass sie ihren Sohn nicht genug liebe. Doch Lejla war bereits schwanger, und es war Mersad, der sie zur Abtreibung aufforderte, was wiederum die Schwiegereltern nicht wollten.

Als der Sohn geboren war, sagte Mersad zu seiner Frau: «Dieses Kind zerstört mein Leben.» Lejla wusch, kochte, putzte weiterhin für die ganze Familie, ansonsten war sie in der Wohnung der Schwiegereltern vollkommen isoliert. Kontakte nach aussen waren ihr verboten. «Am liebsten hätten sie mich per Post nach Bosnien zurückgeschickt», sagt Lejla – aber ohne Sohn. Die Ehe wurde schliesslich geschieden. Heute ist die Mutter arbeitslos, spricht trotz RAV-Sprachkurs kaum ein Wort Deutsch und lebt mit ihrem vierjährigen Sohn mehrheitlich von der Sozialhilfe.



Das arrangieren sie schon
Lejla hat vergleichsweise Glück. Dank der Hilfe eines Anwalts ist sie nicht ins Herkunftsland abgeschoben worden wie viele andere Geschiedene. «Aufenthaltszweck erfüllt», heisst es dann jeweils im Amtsdeutsch, denn der Zweck war der «Verbleib beim Ehemann». Die zurückspedierten Frauen fallen erst recht zwischen alle Stühle. Ex-Mann und Schwiegereltern wollen nichts mehr mit ihnen zu tun haben, bei den Migrationsämtern hält man sie für Scheinbräute und im Herkunftsland für Huren.

Relatives Glück hat Lejla auch deshalb, weil andere sogenannte Importbräute oder -bräutigame von ihren Eltern zur Hochzeit gezwungen werden, was im schlimmsten Fall mit einem «Ehrenmord» endet wie 2005 im Tessin. Dort war der Cousin einer 20-jährigen Pakistanerin via Arrangement der Eltern ins Tessin geholt worden. Weil der Ehemann nicht ertragen konnte, dass seine hier aufgewachsene und gut integrierte Frau weiterhin ein selbstständiges Leben führen und auch arbeiten wollte, verlangte sie bald einmal die Scheidung. Daraufhin erschlug der Ehemann seine Frau im Schlaf, um der Schande einer Scheidung und Ausweisung zu entgehen; für ihn eine Frage der «Ehre». Sein Verteidiger hatte deshalb mildernde Umstände geltend gemacht, allerdings vergeblich.

«Ehrenmorde» wurden bislang zwei in der Schweiz bekannt.
in deutschland 1-2 pro monat. kennt jemand eine statistik für europa oder die welt?
Doch arrangierte und Zwangshochzeiten gibt es Tausende. Eine neue Studie der Lausanner Stiftung Surgir spricht von vierhundert dokumentierten Zwangsheiraten in den letzten fünf Jahren und geht, weil sie eine hohe Dunkelziffer vermutet, von «mehreren Tausend» Fällen aus.


Alexander Ott, Fremdenpolizeichef der Stadt Bern, ermittelt jährlich in achtzig Fällen, Tendenz steigend. Marlène Schenk wiederum, Sprecherin der Organisation www.zwangsheirat.ch, mag diese Zahlen nicht kommentieren und will vorderhand auch keine neuen nennen. Schenk schreibt derzeit eine Lizenziatsarbeit über Zwangsehen in der Schweiz, und ihre Zurückhaltung bei den Zahlen hat auch mit der schwierigen Abtrennung der Begriffe zu tun. Was heisst genau «arrangiert»? Und wann beginnt der Zwang? Aus Schweizer Optik mag rasch als erzwungen wirken, was in Ostanatolien, auf dem Balkan, im Norden von Sri Lanka oder in Somalia nur als normal gilt, weil die Braut nichts anderes kennt. Schenk versucht die Klärung mit einer einfachen Frage: Hat die Frau oder der Mann das Recht, ohne negative Folgen Nein sagen zu dürfen? Falls nicht, ist es für Schenk nicht tolerabel.

Fest steht hingegen für Surgir wie für www.zwangsheirat.ch, dass vor allem in türkischen, kurdischen, (kosovo-)albanischen und tamilischen Familien Ehen arrangiert oder gar erzwungen werden, was eben sehr oft über Familiennachzug geschieht. Allein aus besagten vier Ländern beziehungsweise Regionen werden gemäss Statistik des Bundesamtes für Migration pro Jahr ungefähr fünftausend Bräute und Bräutigame in die Schweiz importiert, etwa 60 Prozent Frauen und 40 Prozent Männer. Rund die Hälfte kommt allein aus Kosovo. Der Berner Fremdenpolizeichef Ott schätzt, dass 50 bis 60 Prozent der in der Schweiz lebenden jungen Kosovo-Albaner und -Albanerinnen ihren Ehepartner aus ihrer Heimat holen. Oder vielmehr: holen lassen.
 

Kranke Toleranz
So dürften allein in den letzten zehn Jahren gegen 50 000 Ehefrauen und Ehemänner aus dem Balkan und der Türkei in die Schweiz geholt worden sein, meistens aus ländlichen Gegenden und mit minimaler Schulbildung. Und dieser Zuzug wird zunehmen. Weil die Arbeitsmigration aus jenen Ländern faktisch unmöglich geworden ist, bleibt als einziger legaler Einwanderungsweg der Familiennachzug. Natürlich wird man auch gut funktionierende Ehen finden. Doch ein beträchtlicher Teil, so schätzt der erfahrene Solothurner Gerichtsdolmetscher und auf den Balkan spezialisierte Kulturmediator Silver Kordic, sind Fälle wie Lejla. Und das heisst: Isolation, Gewalt, Scheidung, Arbeitslosigkeit, Sozialhilfe. Deshalb funktioniert die Integration nicht mit jeder Generation besser, sondern sie beginnt mit jeder Importbraut und jedem Importbräutigam wieder bei null.

Lange Jahre lag ein dicker Mantel des Schweigens über dem Thema der arrangierten und erzwungenen Heiraten. Eine, die diese Omertà vor zwei Jahren mit Wucht durchbrach, war die deutsch-türkische Soziologin Necla Kelek. In zwei Büchern prangerte Kelek die Tradition der «ImportGelin» an, wie die türkischen Importbräute heissen, die in Deutschland zwangsverheiratet werden (1). Das öffentliche Echo war furios – vor allem der erbitterte Widerstand. Für Deutschlands Türkenverbände war Kelek fortan eine Verräterin und für die Grünen eine Rassistin, die mit ihrer Kritik nur den Fremdenfeinden nütze. In die gleiche Mühle war bereits Seyran Ates geraten, eine deutsch-türkische Anwältin, die zwangsverheiratete Türkinnen in Scheidungsprozessen vertrat, bis sie – weil mehrfach mit dem Tod bedroht – ihre Berliner Kanzlei schloss.

Im vergangenen Dezember wurde Seyran Ates von der Organi-sation www.zwangsheirat.ch für ein Referat nach Basel eingeladen. Es wurde rasch deutlich, dass Ates, die vehemente Streiterin gegen Zwangsheiraten, längst nicht allen genehm war in der Integrationshochburg Basel, zum Beispiel der Ethnologin und Integrationsfachfrau Lilo Roost Vischer. «Wir stiessen auf grossen Widerstand unter den Linken», erinnert sich die Mitorganisatorin Gisela Hürlimann. «Man warf uns vor, mit diesem Thema und dieser Referentin würden wir Rassismus gegen migrantische Gruppen schüren.» Ihren Kritikern hielt Ates in der «Basler Zeitung» entgegen: «Die Multikulti-Anhänger wollen die Migranten machen lassen, wollen sich nicht einmischen, nicht hinsehen – und verwehren damit Minderheiten gleiche Chancen. So was nennen die Toleranz. Ich finde es krank!»

Exakt darüber ist nun auch in der Schweiz ein giftiger Streit im Gang. Es ist keiner zwischen Rechts und Links, sondern eher zwischen Rot und Grün. Nach Erfahrung der Historikerin Hürlimann «wird die Schweizer Integrationsindustrie von Ethnologinnen dominiert». Die Integration ist nicht nur ein zunehmend attraktives Arbeitsfeld für diesen Berufsstand, sondern der ethnologische Blick prägt auch die Perspektive. Und die ist nicht selten vom «Winnetou-Syndrom» geprägt, wie sich der Basler Migrationsdelegierte (und Nicht-Ethnologe) Thomas Kessler ausdrückt: «Man will den edlen Wilden möglichst so in seinem Reservat belassen, wie er ist.» In Basel selber komme dieses Syndrom nicht mehr vor, behauptet Kessler, was die Leute von www.zwangsheirat.ch allerdings bezweifeln. Gisela Hürlimann oder den Luzerner SP-Politiker Lathan Suntharalingam stört nicht nur der verklärende Blick, sondern ebenso die mitunter gönnerhafte, maternalistische Art, in der Migranten wie Suntharalingam erklärt wird, was Sache ist beim Zwangsheiraten. Als Tamile weiss er selber nur zu gut darum, und gerade deshalb ist er frei von der Romantisierung des Exotischen, die so typisch ist für das Winnetou-Syndrom.

Die Initianten von www.zwangsheirat.chsind alle zwischen 24 und 38 und bilden eine neue Generation von integrationspolitisch engagierten Leuten, die nicht mehr nach den alten ideologischen Reflexen funktionieren. Gewiss, ihr Herz schlägt links, und sie nehmen auch die Mehrheitsgesellschaft in die Pflicht, damit diese nicht bloss bequem bei Türken, Albanern und Tamilen einfordert, was auch den Schweizern immer weniger gelingt: eine funktionierende Ehe.
leute die so denken, haben meist ein gefängnis im kopf..
Trotzdem mag man sich bei www.zwangsheirat.ch keinen Denkverboten und politischen Korrektheiten unterziehen, wie sie bei der Ethnologin und ehemaligen grünen Politikerin Annemarie Sancar durchschimmern, wenn sie in der Zeitschrift «Widerspruch» mahnt: «Unter heutigen Bedingungen zunehmender Fremdenfeindlichkeit ist es besonders fahrlässig, wenn Ereignisse wie häusliche Gewalt oder Zwangsehen mit ‹Herkunft› und ‹Kultur› verknüpft werden.» Als hätten Zwangs- und arrangierte Heiraten nichts mit «Herkunft» und «Kultur» zu tun.


Planet der Patriarchen
Einer, den der politisch korrekte Diskurs ebenfalls wenig kümmert, dafür umso mehr die Praxis, ist besagter Gerichtsdolmetscher und Kulturvermittler Silver Kordic aus Solothurn. Selber gebürtiger Albaner aus Montenegro, vielsprachig und mittlerweile Schweizer Bürger, ist der studierte Linguist 1980 in die Schweiz gekommen und hat schon «Hunderte von Fällen» erlebt, die stets nach dem gleichen Muster funktionieren: Ehepartnernachzug, Krach mit den Schwiegereltern, weil eine liberale mit einer archaischen Welt in Konflikt gerät, was schliesslich zur Trennung oder zur Scheidung führt. Kordic spricht von «zwei Planeten», dem «Planeten Balkan» und dem «Planeten Schweiz», und die prallen nie heftiger aufeinander als beim Familiennachzug. Die Opfer trifft Kordic dann jeweils vor Gericht und auf dem Sozialamt. In erster Linie sind Frauen die Leidtragenden der «Balkan-Machos», wie Kordic die jungen Ehemänner und ihre (Schwieger)Väter konsequent nennt.

Die «Balkan-Machos» sind von einer jahrhundertealten patriarchalen Kultur geprägt, deren Kern Silver Kordic nicht etwa im Koran sieht, sondern im sogenannten Kanun des Lekë Dukagjini, einer aus Nordalbanien stammenden Sammlung von mittelalterlichem Gewohnheitsrecht. Dessen Regeln reichen von der Gestaltung einer Hochzeit über Ehrenrituale bis zu den Gesetzen der Blutrache. Nicht, dass man diese Paragrafen heute noch auswendig lernen müsste. Vielmehr sind sie tief in der albanischen Kultur verwurzelt.

Zentral ist für Kordic die Machtstellung des Vaters beziehungsweise Schwiegervaters. Der Patriarch sagt, was für den Rest der Familie gilt, und erst recht gilt es für die Töchter. Ihr Gängelband ist viel kürzer als das der Söhne. Die dürfen sich früh und vor allem freier ins ausserhäusliche Vergnügen stürzen, notfalls wird selbst eine Schweizer Freundin geduldet, solange er sie nicht heiraten will. Undenkbar für die Töchter. Ein Freund? Verboten. Abendausgang? Höchstens unter Aufsicht eines Bruders oder Cousins.

So denken die Eltern, vor allem jene, die aus ländlichen Gegenden in die Schweiz gezogen sind, also die meisten. Doch wie reden ihre Söhne, die hier geboren und aufgewachsen sind? Ortstermin in einer Ostschweizer Berufsschulklasse. Die Lehrerin, sehr engagiert in Integrationsfragen, stellt dem Besucher «meine Machos» vor, wie sie lachend sagt. Es sind acht Männer aus dem Balkan und der Türkei, alle zwischen 17- und 18-jährig. Im Grunde mag sie ihre Machos – sofern die nicht gerade über Frauen reden. Die Runde ist sich ziemlich einig: Regel Nummer 1: Der Vater ist das absolute Vorbild. Regel Nummer 2: Die eigenen Töchter werden später gleich erzogen. Regel Nummer 3: Geheiratet wird nur eine Frau aus dem gleichen Land und mit dem gleichen Glauben. Regel Nummer 4: «Keine Occasion», wie sich ein junger Mazedonier ausdrückt. Der Jungfrauenkult ist auch bei den 18-Jährigen intakt, obwohl sich der Serbe in der Klasse kulanter gibt: «Bei uns ist das nicht so wichtig. Heutzutage bekommt man sowieso fast nur noch Occasionen.» Der Mazedonier hat hier zwar eine brasilianische Freundin, «aber die ist zum Üben und sicher nicht zum Heiraten. Ich will doch keine mit Totalschaden.» Dass er selber mit 13 in Mazedonien erstmals ins Puff ging und seither immer wieder, wie er versichert, das ist «kein Problem» für ihn. «Ich bin ein Mann, das ist normal.»

Normal ist aber auch, dass junge und hier aufgewachsene Kosovo-Albanerinnen oder Türkinnen bei aller Kontrolle durch Eltern und Cousins eher MTV als den Kanun des Lekë Dukagjini im Kopf haben. So findet täglich und tausendfach ein landesweites Versteckspiel zwischen Töchtern und Eltern respektive Cousins statt. Die eine zieht sich im Hinterhof um, weil sie nicht bauchfrei in die Schule oder an die Arbeit gehen dürfte, die andere fälscht die Einladung für eine Schulreise, um drei Tage lang mit ihren Kolleginnen ungehinderten Ausgang zu haben, die dritte – und von diesen dritten gibt es besonders viele – hat insgeheim einen Freund. Das dauernde Verheimlichen ist schon mühsam genug, doch in Panik geraten die Töchter bisweilen, wenn der Vater zum ersten Mal vom Heiraten spricht. So erinnert sich der Chefarzt eines Ostschweizer Spitals an eine 20-jährige Türkin, die verzweifelt in seine Praxis gekommen war, um ihr Jungfernhäutchen wieder zusammennähen zu lassen. Denn sie sollte bald von ihrem Vater mit einem Mann in der Türkei verheiratet werden. Für den Arzt war es ein kleiner chirurgischer Eingriff, doch für die Patientin eine riesige Erleichterung, weil sie nun als Braut «wieder hergestellt» war. Ihr Vater hatte keine Ahnung, dass seine Tochter einen Schweizer Freund hatte, geschweige denn wusste er von der Operation. Die Krankenkasse bezahlte die 1000 Franken für den Eingriff unter einem unverdächtigen Titel, damit die Eltern nicht misstrauisch wurden wegen der Arztrechnung.

Wieder Jungfrau
Auch für die beiden Gynäkologinnen Monika Bamert und Ikbale Siercks vom Kantonsspital St. Gallen ist das Thema nicht neu, obschon es zu den meisttabuisierten gehört und die Ärztinnen nicht wissen, wie viele Frauen aus der Schweiz in türkischen, kosovarischen oder ungarischen Kliniken landen.

In St. Gallen erhalten sie jedenfalls zunehmend Anfragen für Hymenrekonstruktionen, wie der Eingriff im Fachjargon heisst. Derzeit sind es rund zehn pro Jahr. Tatsächlich operiert werden jährlich zwei bis drei Frauen und auch sie erst nach eingehender Abklärung und eher widerstrebend, wie die Leitende Ärztin Monika Bamert sagt. Sie weiss sehr wohl, dass sie sich damit einer patriarchalen Logik fügt, die ihr persönlich widerstrebt. Doch entscheidend ist die Gefährdung der Patientin. Dabei geht es selten um Leben und Tod, aber immer um Familienehre und Familienschande. Wie tonnenschwer auch dies auf einer 18-jährigen Tochter liegen kann, das braucht Bamerts Kollegin Ikbale Siercks niemand zu erklären. Sie ist als Türkin in Deutschland aufgewachsen und hat Mütter erlebt, der Nachbarn die Hölle prophezeiten, nur weil ihre Tochter einen Deutschen und nicht einen Türken geheiratet hatte. Auch die 18-jährige Albanerin, die wir hier Teuta* nennen wollen, kennt sich aus in dieser Welt, in der sich fast alles um die Familienehre dreht. Teuta ist vor 13 Jahren aus Kosovo zu ihren Eltern in die Nähe von St. Gallen gezogen, und für die Eltern steht jetzt schon fest, dass auch der künftige Schwiegersohn (ebenso wie die Schwiegertochter) ein Albaner sein und möglichst aus Kosovo kommen muss – eine schreckliche Vorstellung für die Tochter. Doch Teuta mag nicht selber durchmachen, was eine Kollegin mit einem mazedonischen Importbräutigam erlebt hat. «Die ersten zwei, drei Monate ging es gut», erzählt Teuta, «dann ging er jeden Abend fort. Seine Frau ging tagsüber arbeiten, nach Feierabend musste sie den Haushalt machen. Er sprach selber kein Wort Deutsch und war drei Jahre lang arbeitslos. Als sie sich weigerte, ihm das Nachtessen zu kochen, wenn er abends um zehn oder elf nach Hause kam, begann er sie zu schlagen. Sie wollte sich von ihm trennen, doch dann kam sie unter Druck ihrer Eltern, die unbedingt einen Skandal vermeiden wollten. Schliesslich kam es doch zur Scheidung, der Ehemann musste wieder ausreisen.» Ob auch in diesem Fall ein paar 10 000 Franken Schmerzensgeld an die Eltern des abgeschobenen Schwiegersohnes bezahlt werden mussten, wie es öfters vorkommt, weiss Teuta nicht. Sie weiss nur, dass sie nie «en söttige vo döt une» will.

Es sind Töchter wie Teuta, vor denen sich potenzielle Ehemänner und Schwiegereltern fürchten. Je besser die Bildung, umso schlechter die Kontrolle. Sie wollen keine Frauen, die die alten Rollenbilder infrage stellen und vom liberalen westlichen Geist «angekränkelt» sind, wie der Politologe Stefan Luft in seinem Buch über «Wege aus der Integrationskrise» schreibt (2). Schwiegertöchter und -söhne, die aus den ländlichen Gebieten des Balkans in die Schweiz kommen, sind für die Eltern vertrauter und besser kontrollierbar als hier aufgewachsene. Und nicht zuletzt geht es um Geld. Jeder Familienangehörige, der in die Schweiz geschickt wird, bedeutet eine neue Einnahmequelle für die daheimgebliebene Verwandtschaft, und deshalb fühlen sich die Migranten oft in der moralischen Pflicht, einem Bekannten «von unten» die Chance auf Nachzug zu geben.

Doch was tun? Die Heirat im Heimatland verbieten? Mit guten Gründen hat bislang niemand nach dem Staat als Heiratszensor gerufen. Ansonsten müsste man konsequenterweise auch allen Schweizerinnen und Schweizern untersagen, ihre Braut aus Thailand oder den Bräutigam aus Marokko oder Jamaica zu importieren. Gerichtsdolmetscher Silver Kordic würde beim Nachzug in die Wohnung der Schwiegereltern ansetzen. Denn er hält diese Wohnungen für den Kern der balkanischen Parallelwelt in der Schweiz. Nirgends sind die Importbräute isolierter und kontrollierter als in den Viereinhalbzimmerwohnungen ihrer Schwiegereltern, sagt Kordic aus langen Jahren der Erfahrung. Das sieht zwar Alexander Ott ebenso, doch der Chef der Stadtberner Fremdenpolizei weiss zugleich, wie schwach auch hier die gesetzliche Handhabe ist.

In St. Gallen hingegen hat man mithilfe des Gesetzes rigoros durchgegriffen, zumindest in einem Fall. Eine damals 20-jährige Türkin hatte im Jahr 2005 einen Mann in der Türkei geheiratet – auf Druck ihres 45-jährigen Vaters, der bereits seit 26 Jahren im Kanton St. Gallen lebte und gerade ein Einbürgerungsgesuch für seine Familie gestellt hatte. Im April 2006 traf der Importbräutigam in St. Gallen ein, doch nun zeigte die Zwangsverheiratete ihren Ehemann sowie ihren Vater wegen Nötigung an; denn die beiden hatten ihr mit einem Ehrenmord gedroht, weil sie die Ehe nicht «vollziehen» wollte. Um dies zu verhindern, wurden der Vater und der Ehemann im Mai 2006 kurzerhand ausgeschafft.
das ist das einzig richtige für solche islamistische kriminelle..

Ein starkes Signal, das für all jene in die richtige Richtung weist, die seit Langem griffige Rechtsmittel fordern, um endlich juristisch gegen Zwangsheiraten vorgehen zu können. Doch es ist zweifelhaft, ob dieses Signal hält. Denn der Vater und der Ehemann haben gegen ihre Ausschaffung geklagt, und Juristen halten es für durchaus denkbar, dass das Verwaltungsgericht den beiden Männern recht geben und sie in die Schweiz zurückholen lassen könnte. Gäben die St. Galler Richter nach, so wäre es gewiss keine Ermutigung für andere Frauen, sich gegen Zwangsverheiratungen zu wehren.

Die junge Türkin ist vor einem Jahr untergetaucht und lebt seither vollkommen anonym und von ihrer Verwandtschaft abgeschnitten weiter; ein hoher Preis für ihre Anzeige – und ob sie den noch einmal zahlen würde, das könnte nur sie selber sagen. Doch wo keine Klägerin ist, da ist kein Richter, und das wissen auch die Juristen im Eidgenössischen Justizdepartement, die bis Ende dieses Jahres einen Bericht über Massnahmen gegen arrangierte Ehen und Zwangsheirat vorlegen müssen, den die FDP-Politikerinnen Erika Forster und Trix Heberlein per Motion verlangt haben. Noch selten hat man Justizminister Blocher so ratlos reden hören wie im Januar 2007 bei seiner Antwort auf diese Motion. Innerhalb von fünf Minuten sagte er fünfmal, wie schwierig das alles rechtlich zu regeln sei. Und einfacher wird die Antwort gewiss nicht mit Urteilen wie jenem der Asylrekurskommission aus dem Jahr 2006, als es die Scharia über das Bundesrecht stellte und einem ägyptischen Asylbewerber den Nachzug einer Ehefrau erlaubte, bei deren Heirat offenbar weder er noch sie selber anwesend waren. Um arrangierte Heiraten zu erschweren, haben Länder wie Dänemark die Altersgrenze beim Ehepartnernachzug auf 24 Jahre erhöht. Zu hoch, wie man bei www.zwangsheirat.ch findet, doch unter 18 sollte sie ebenso wenig liegen. In die Schweiz können nach heutigem Gesetz auch 16-jährige Bräute und Bräutigame einreisen.

Winnetou reitet wieder
Wenigstens in einem Punkt scheint man sich über alle Grenzen hinweg einig, wie der Malaise zu begegnen ist: Es braucht Sprachkurse. Ohne Sprache bleibt Integration ein ewiges Fremdwort. Wer gut Deutsch spricht, hat nicht nur bessere Chancen auf Arbeit und Ausbildung; Sprachkurse sind auch der Schlüssel zum Ausbruch aus der familiären Isolation, in der vor allem die importierten Bräute stecken. Doch wird die Sache konkret, ist es auch hier sofort vorbei mit der Einigkeit. Der Streit geht um die Frage, ob solche Sprachkurse obligatorisch oder freiwillig sind. Und vor allem, ob und welche Folgen es haben soll, wenn jemand nicht zum Sprachkurs erscheint oder ihn nicht besteht.

«Integration beginnt am ersten Tag», sagt Thomas Kessler in Basel und denkt dabei gerade an jene zugezogenen Ehepartner, die bislang in den Wohnungen der Schwiegereltern verschwunden sind und auch nach Jahren noch keine Silbe Deutsch verstanden. Diese Ehefrauen – wie auch Ehemänner und nachgezogene Kinder – will Kessler mittels individueller Integrationsvereinbarungen in Sprachkurse holen. In Basel kann seine Aufenthaltsbewilligung verlieren, wer sich Sprach- und Integrationskursen konsequent verweigert. Doch die SVP lehnt selbst dies als zu lasch und zu teuer ab, obwohl sie keine praktikable Alternative zu bieten hat. Für die Grünen wiederum riechen solch verbindliche Vereinbarungen zu sehr «nach SVP» respektive nach einem «neoliberalen Trend», der «die Chancenungleichheit eher verstärkt», wie Annemarie Sancar in der Zeitschrift «Widerspruch» kritisiert.

Thomas Kessler sieht hier einmal mehr das Winnetou-Syndrom am Werk und vor allem eine «groteske Argumentation, mit der ein paar linke Frauen de facto die Macht des Patriarchen gegenüber der Chancengleichheit der Frau schützen.» Hinter dieser «antietatistischen Haltung» vermutet Kessler das altlinke Feindbild eines rassistischen Beamten, der arme anatolische Hausfrauen und albanische Bauarbeiter mit deutschen Grammatikkursen schikaniert. Immerhin, in Basel liessen sich die Grünen von einem Nein zum Integrationsgesetz abhalten, indem man die obligatorischen Sprachkurse nicht mehr «erfolgreich», sondern nur noch «mit ernsthaftem Engagement» besucht haben muss. In Luzern hingegen verhinderten die Sparwut der SVP und die Winnetou-Romantik der Grünen einen (von CVP und SP unterstützten) Vorstoss des SP-Parlamentariers Lathan Suntharalingam, der die Einführung von obligatorischen Sprachkursen verlangt hatte. Besser erging es dem Zuger Kantonsrat Rupan Sivaganesan. Seine Motion für verbindliche Deutschkenntnisse zur Erlangung der Niederlassungsbewilligung wurde einhellig an die Zuger Regierung überwiesen.
Zu viel Folklore

Suntharalingam und Sivaganesan gehören ebenso wie Gisela Hürlimann oder die Kosovarin Ylfete Fanaj aus Luzern jener neuen Generation an, die die Integrationspolitik nüchterner und illusionsloser betrachtet als manche der tonangebenden Leute in der Schweizer Integrationsindustrie. Sie sind, sagt Hürlimann, auch nicht mehr bereit, «jeden Folklorekurs und jedes Tanzkürsli als Integrationsmassnahme zu schlucken». Sie fordern obligatorische Sprachkurse anstatt Folklore. Und sie setzen auf Artikel 34, Absatz 3 des neuen Ausländergesetzes, der besagt, dass bereits nach fünf und nicht erst nach zehn Jahren eine Niederlassungsbewilligung erhalten kann, wer gut Deutsch spricht.

Gerade für die Ehefrauen, sagt Ylfete Fanaj in Luzern, ist das Obligatorium von Sprachkursen wichtig: Nur wenn sie die Kurse besuchen müssen, sind sie gegenüber den Ehemännern und Schwiegervätern legitimiert. Nach Fanajs Erfahrung in Luzern (und ebenso jener von Kessler in Basel und Deutschland) fühlen sich diese Frauen auch mitnichten unter Zwang, sondern sie sehen diese Kurse vielmehr als Befreiung, als Chance zum Kontakt mit anderen Frauen – und anderen Vorstellungen. Genau deshalb sind ihre Männer so skeptisch. Sie fürchten einen Kontrollverlust auf ihrem kleinen Viereinhalbzimmer-«Planeten». Doch das Letzte, was hier hilft, ist falsch verstandene Toleranz.
Von „http://www.dasmagazin.ch/index.php/B...g_euch_bindet

28 Kommentare
Hilfe gefunden
H.N.|
Als eine von Zwangsheirat bedrohte Frau habe ich den Artikel im Magazin gelesen und ich möchte Sie wissen lassen, was ich darüber denke. Endlich bringen mutige Menschen dieses Thema zur Sprache und zeigen die Probleme von Zwangsheirat betroffenen Frauen auf. Ich hatte selbst mit Leuten von >zwangsheirat.ch< Kontakt. Für ihre wissenschaftliche Arbeit habe ich ein Interview geben. Sie haben meine Probleme verstanden. Als sich diese verschlimmert haben und ich keinen Ausweg mehr sah, waren sie eine wichtige Unterstützung für mich und sind es immer noch. Selbst als ich wegen Drohungen nicht mehr wusste, wo schlafen, haben sie nach erfolglosen Abklärungen in Frauenhäusern und Jugendeinrichtungen sogar Privat eine Möglichkeit angeboten. So kann ich bestätigen was Martin Beglinger schreibt. Es sind Leute, die Integrationsprobleme verstehen und ernst nehmen. Ich finde es gut, wie sie mit betroffenen Frauen in der ganzen Schweiz Kontakt haben und nach Lösungen suchen. Sie sehen, wo es an Unterstützung fehlt und was gefordert werden muss, um solchen Frauen besser helfen zu können. Genug lange blieben Migrantinnen ungehört, wenn es um Gleichberechtigung und Unabhängigkeit ging. Es ist an der Zeit, dass auch sie ihr Selbstbestimmungsrecht wahrnehmen und einfordern können. So möchte ich die betroffenen und bedrohten Frauen ermutigen sich gegen diese Menschenrechtsverletzung zu wehren und Unterstützung zu suchen. Jede Person soll selbst entscheiden dürfen, mit wem sie zusammen leben will. Es darf nicht sein, dass sie sich für ihre Familien „opfern". Ansonsten besteht die grosse Gefahr, dass sie in der Ehe unglücklich werden, was bis zu Selbstmord führen kann. Eine Kollegin von mir konnte sich nicht wehren und lebt nun unglücklich in einer Zwangsehe. Ich wünsche den Leuten von >zwangsheirat.ch< und der Kampagne weiterhin viel Erfolg. Denn es ist wichtig, dass Migrantinnen mit Schweizerinnen zusammen, gegen dieses Problem ankämpfen. (Name der Red. bekannt)

Hebammen sehen allerhand
Gabriela Wick
Ich möchte mich bei Ihnen für den sehr interessanten und nicht romantisierten Bericht über Importbräute bedanken. Ich arbeite als Hebamme im USZ Zürich und sehe da selbst allerhand. Dabei frage ich mich schon des öfteren wie es wohl kommt, dass sich gewisse Vertreter ganz verschiedender Nationen keinen Deut um Integration bemühen die mit Sprache beginnen würde. Was in diesem Artikel geschildert wird, erleben wir hier täglich live, deshalb auch hat er mich so angesprochen.


Was mich wütend macht
Elisabeth Wallimann
Was mich an dem Thema wütend macht, ist dass die in Ihrem Artikel beschriebenen Männer aus dem Balkan und der Türkei auch mich so behandeln. Hier, in meinem Land. Was im Kosovo mit den Frauen passiert, müssen diese Frauen selber verantworten. Aber was hier passiert, dafür trägt unsere Gesellschaft genauso die Veratwortung, ob es jetzt Schweizer oder Zugezogene betrifft. Hier werden auch wir jungen Schweizer Frauen Opfer von Belästigungen und die älteren Frauen erst recht. Genau deshalb bin ich aus der SP ausgetreten. Weil sie meine Ängste nicht ernst nimmt. Diese Ängste sind durchaus real. Auch die der jungen Männer, die Samstagnacht ungewollt in Schlägereien verwickelt werden von vor Clubs wartenden Jugoslaven die nicht reingelassen wurden. Weil sie, kaum drin, alle Frauen anmachen und belästigen, sich vollaufen lassen und am Ende mit anderen Männern prügeln. Nicht alle sind so, aber viele. Die Polizei, vor allem in Luzern, schaut weg. Kein Wunder wenn junge Leute dann rechts wählen!

Ich bin absolut für...
Beat Hess
...Integration, welche auch zu fordern wagt und gegen "Sozialromantik". Nur kann eben Integration ohne Bemühungen beider Seiten nicht funktionieren. Wenn Menschen aus dem Balkan oder Sri Lanka aller Anstrengungen (und die meisten strengen sich an - nehmen wir uns nur einmal unsere eigenen Fremdsprachenkenntnisse kritisch vor) zum Trotz keine oder nur die schlechtbezahltesten Stellen finden und in unserer leistungs- und erfolgsorientierten Gesellschaft aussen vor bleiben, laufen sie wohl Gefahr, irgendwann die Motivation zur Integration verlieren. Sie gelten ja schliesslich doch nur als Menschen zweiter Klasse! Die SVP macht - von mitläuferischen Parteien unterstützt - aus billigen Motiven brandschätzerisch Stimmung gegen diese Menschen und wundert sich entrüstet, wenn es "chlöpft"...

Liebe Frau Wallimann
Ylfete Fanaj
Vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich selber, Schweizerin mit kosovarischen Wurzeln, politisiere überzeugt für die SP und bin Mitgründerin von der SP Secondos plus, ebenfalls in Luzern. Wie im Artikel beschrieben, hält die SP nichts von kritikloser Multi-Kulti. Ihre beschriebenen Erfahrungen in Discos sind uns bekannt. Deshalb rechts zu wählen führt zu einem Teufelskreis: ausländerfeindliche Parteien schüren nur Ängste und bieten keine nachhaltigen Lösungen für gesellschaftliche Probleme. Indem immer wieder Leute aus dem Balkan diskriminiert, beschimpft und pauschalisierend als kriminell abgestempelt werden, führt das bei ihnen zu Resignation und Rückzug. Wie Sie richtig beschreiben, wird ihnen der Eingang in die Disco verwehrt. Stellen Sie sich vor, wie das für Sie wäre, wenn sie am Samstag abend mit Freunden ausgehen wollen, sie kommen aber nirgends hinein aufgrund ihrer Herkunft! Die Freude vergeht schnell, vor allem wenn sie das jedes Wochenende erfahren! Fehlende Anerkennung, Diskriminierungen und Chancenungleichheit führen dazu, dass diese Leute ihre Wut durch Aggressivität widergeben. Vielmehr sind noch verstärkte Integrationsbemühungen nötig, um dem etwas entgegen zu setzen. Vergessen wir nicht, dass auch viele der erwähnten Personen ursprünglich als Kriegsflüchtlinge in unser Land gekommen sind. Eines möchte ich deutlich betonen: ich dulde jegliches straffällige Verhalten und Belästigungen nicht und möchte diese Männer nicht in Schutz nehmen; ein differenzierter Blick dahiner schadet jedoch nicht. Ich kann zwar Ihre Wut nachvollziehen, dass Sie deswegen aus der SP ausgetreten sind, verstehe ich nicht. Die SP hat ein sehr fortschrittliches und aktuelles Positionspapier zur Integration (online zu finden unterhttp://sp-ps.ch/index.php?id=34) und nimmt alle in die Pflicht: sowohl Einheimische als auch Zugezogene tragen ihren Beitrag zu einem respektvollen und erfolgreichen Zusammenleben bei.

Keine Winnetou-Romantiker
Philipp Federer
Der gute Artikel hat am Schluss leider eine unnötige Polemik gegen die Luzerner Grünen der Stadt, die als Winnetou-Romantiker abgekanzelt werden. Das schnellschiessende Bleichgesicht, der Journalist Beglinger, beklagt die fehlende Unterstützung der Grünen ohne Zug und Luzern genauer zu vergleichen. Deutschkurse an eine Aufenthaltsbedingung zu knüpfen ist kantonales Recht und Gesetz. Lathan Suntharalingam hat seinen Vorstoss, den nicht einmal alle SP-Mitglieder unterstützten, in der Stadt eingereicht. Rupan Sivaganesan hat dagegen seine Motion im Kantonsrat eingereicht, am richtigen Ort. Unabhängig davon ist die Verbindung von Rechtsgütern mit Deutschkursen nicht unproblematisch. Sollten etwa sprachbehinderte Einbürgerungswillige nicht eingebürgert werden können?


Der tägliche Lauf der Dinge
Philipp Meier
Man kann Martin Beglinger nur beipflichten: Was er schildert ist seit vielen Jahren der tägliche Lauf der Dinge. Totgeschwiegen (eben - "man" will ja tolerant sein und keine schlafenden Hunde wecken), weil sehr unbequem. Von Fachleuten hinter vorgehaltener Hand schon lange festgestellt. Von der Politik weiträumig umgangen. Ich arbeite seit vielen Jahren als Primarlehrer in Schlieren. Ich kenne Kinder, für die es wegen der Familienstrukturen undenkbar ist, eine andere als ihre Herkunftsnationalität auch nur schon für eine Beziehung in Betracht zu ziehen. Sie würden von ihrer Familie knallhart verstossen. Ich kenne Kinder, die schon im Alter von 12 Jahren "versprochen" sind. Ich kenne Kinder, die trotz schulischem Erfolg (Gymnasium-Einstig geschafft), später an den Forderungen und Restriktionen der Familie gescheitert sind. Ich kenne Mütter, die seit x Jahren unfreiwillig hier wohnen, keinerlei Assimilation durchmachen dürfen. Sie werden ihre Kinder, wie Beglinger schreibt, wieder in den gleichen Irrsinn treiben. Integration beginnt mit jeder Generation wieder bei Null. Eine einfache Lösung kann ich nicht präsentieren. Gut wenigstens, dass das Tabu gebrochen ist und die Tatsachen auf dem Tisch liegen. Danke.

Die Folgen falscher Toleranz
Martin Beglinger
Sehr geehrter Herr Federer, Beginnen wir mit Ihrer Schlussfrage: «Sollten etwa sprachbehinderte Einbürgerungswillige nicht eingebürgert werden können?» Wenn Sie mit «sprachbehindert» zum Beispiel einen schweren Legastheniker meinen – der folglich mit jeder Sprache seine Mühe hat – dann ist er eine Ausnahme und soll als solche behandelt werden. Auch in einem Einbürgerungsverfahren. Nur sollte man nicht mit den Ausnahmen politisieren. Entscheidend ist der Normalfall, und wenn wir schon bei den Einbürgerungen sind (auch wenn dies nicht das Thema meines Artikels war), dann meine ich doch in aller Deutlichkeit: Nein, wer nicht akzeptabel Deutsch oder eine andere Landessprache spricht, der wird nicht eingebürgert. Und auch nicht gemeinsam, wenn ein Familienteil gut und der andere aber so gut wie gar nicht Deutsch spricht. Ich halte es hier mit Ihrem grünen Parteikollegen und Integrationsbeauftragten Thomas Kessler in Basel, der bei jeder Gelegenheit wiederholt: «Ich bin ein Freund von klaren Standards – wie auch von der Durchsetzung dieser Standards». Freiwillige Sprachkurse, sehr geehrter Herr Federer, nützen so gut wie nichts, gerade bei importierten Ehefrauen. Denn sind die Kurse freiwillig, ist es in aller Regel der Mann, der für die Frau entscheidet. Und er sagt oft genug nein, obwohl sie noch so gerne teilnähme, wie Ihnen die Luzerner Integrationsfachfrau Ylfete Fanaj (SP) gerne bestätigen wird. Ihr Parteikollege Hans Stutz mag noch lange in der «Neuen Luzerner Zeitung» gifteln gegen verpflichtende Sprachkurse mit dem angeblich «gruseligen Charme bevormundender Fürsorge». Falsche Toleranz fördert nicht die Integration, sondern die Isolation.

Spielwiese der Völkerkundlerinnen
Helena Vogler
Zur falschen Zeit auf den falschen Planeten gefallen. Diese Tragödie läuft wohl, wie viele wundersame Dinge, unter dem Etikett «Flüchtlingswesen». Werkstatt und Selbstverwirklichung kirchlicher, links-roter, links-grüner Multikultischwärmer und, wie ich in diesem super Artikel erfahren habe, Spielwiese von reiseunlustigen Ethnologinnen mit Winnetou-Syndrom. – Ich könnte aus der Haut fahren, wenn ich sehe, wie gerade viele Frauen alles verschlimmbessern und rasch mit Rassismusvorwürfen zur Hand sind, derweil ihnen die Machos auf der Nase umhertanzen. Klar, die Ladies wollen ihre Jobs behalten. Kleiner Lichtblick immerhin: Sprachkurse als Frauenbefreiungsbewegung. – Im Jungfrauenkult gehe es selten um Leben und Tod, meint die Ärztin leichthin. Darum geht es aber sehr wohl. Nur werden Ehrenmorde in der Regel als Unfälle schöngeredet.

Sprachkurs obligatorisch
Andrea Würsten
Frisch Zugewanderte sollen einen obligatorischen Sprachkurs besuchen müssen. Endlich positionieren sich Secondos in der Integrationsfrage und stellen ihre eigenen Konzepte zur Diskussion. Natürlich passt das einigen langjährigen Experten nicht ins Programm. Sie haben Angst, dass kritische Stimmen vor allem die Polemik im rechten Lager unterstützen. Doch genau das Gegenteil ist der Fall: Nur eine kontrovers debattierende Linke, die selbst aktiv ungünstige Entwicklungen und Missbräuche thematisiert, kann zur Meinungsführerin werden. Eine Rolle, die sie wegen verteilten Maulkörben verloren hat.

Gilt auch für Sekten
Mario Gutknecht
Grundsätzlich kann ich mich dem Artikel "Bis dass der Zwang euch bindet" zustimmen. Das von Ihnen beschriebene Phänomen besteht nicht nur bei Personen mit Migrationshintergrund oder im Islam. Nur wird dies kaum wahrgenommen. Auch die Aussagen in Bezug auf Parallelgesellschaft möchte ich hinterfragen. Sind die Schweizer etwa alle gleich? Gibt es nicht hunderte, vielleicht gar tausende Parallelgesellschaften? Aus persönlicher Beobachtung weiss ich, dass es auch Tausenden Schweizern keinesfalls frei steht, wenn sie heiraten. Es gibt Sekten und religiöse Gruppen, die nur Heiraten innerhalb der Gruppe erlauben. Lernt jemand aus der Gruppe jemanden ausserhalb kennen, wird massiver psychischer Druck ausgeübt, damit er oder sie die Beziehung aufgibt. Das "Heiraten im Herrn" wie es so schön in diesen Kreisen genannt wird, ist eines der höchsten Prinzipien, um zu verhindern, dass jemand sich aus der Gruppe löst. Falls das Paar trotz des massiven psychischen Drucks heiraten will, muss der "weltliche" Partner zuerst zur Gruppe beitreten. Dies wird allerdings nur geduldet und nicht besonders gern gesehen. Zudem hat es auch in Zukunft Konsequenzen für das Ehepaar (Ansehen innerhalb der Gruppe und viele andere Sanktionen). Die Sache ist einfach. Alle ausserhalb der Gruppe gehören zur "bösen Welt" und sind dem Untergang geweiht. Da der Kontakt zur Aussenwelt streng zensiert wird, wird natürlich auch jede Chance genommen, dass sich die Mitglieder mit kritischem Gedankengut auseinander setzten. Beim hier beschriebenen Phänomen geht es um eine Gruppe, die nach rechtlicher Anerkennung durch den Staat strebt und ich gehe davon aus, dass es in vielen Freikirchen durchaus ähnlich ablaufen könnte.

Schlüersche Märchen nicht kolportieren
Hans Hegetschweiler
Ich bin auch gegen Zwangsehen, wenn auch, wie Sie unter Zitierung von Herrn Blocher selber schreiben, die Lage komplex ist. So will zum Beispiel kaum eine Kosovo-Albanerin in der Schweiz einen Nicht-Albaner heiraten, was dazu führt, dass sich die Verhältnisse nur sehr langsam ändern werden. Auf der anderen Seite kenne ich sehr viele albanische Väter, die ihren Töchtern weder das Ausgehen noch die freie Partnerwahl verbieten. Was mich aber ärgert, ist dass Sie das Schlüersche Märchen, die Asylrekurskommission habe die Scharia über das Schweizer Recht gestellt und praktisch eine Zwangsehe sanktioniert, weiter verbreiten. Auf dieses Märchen ist im Zischtigs-Club schon der Sprecher der Bishofskonferenz hereingefallen. Zum ersten gilt in Ägypten nicht tel quel die Scharia, Ägypten kennt grundsätzlich ein westliches Zivilrecht. Wie stark dieses islamische Elemente hat, ist hier nicht weiter auszuführen. Zum Zweiten aber wurde die Stellvertreterehe (oder Handschuhehe) im Schweizer Recht schon immer anerkannt und dies lange vor Beginn der islamischen Einwanderung. Auch in Kuba und anderen lateinamerikanischen Ländern ist diese Form des Eheschlusses (und nicht der Ehe) bekannt. In Deutschland gab es sie während des zweiten Weltkrieges für Soldaten und man könnte noch andere Beispiele finden. Typisch für die Scharia ist die Handschuhehe nicht, ich würde behaupten, dass bei der typischen Ehe in einem islamischen Land, die Braut anwesend ist. Das Ganze erklärt sich dadurch, dass es bei der Stellvertreterehe nur um die Vertragsform und nicht m den Vertragsinhalt geht und nach dem schweizerischen internationalen Privatrecht die Form sich nach dem Recht richtet, wo der Akt vollzogen wird: formam regit locus actu. Ausnahmen werden gemacht, wenn eine Form gegen unseren ordre public, also gegen fundamentale Schweizer Rechtsregeln verstösst. Bei Handschuhehen überbringt der Stellvertreter nur die Willensäusserung der Brautleute, er setzt also nicht seinen Willen an die Stelle desjenigen der Brautleute. Man hat seit jeher angenommen, dass die persönliche Anwesenheit bei einem Vertragsschluss, auch wenn es sich um einen wichtigen Vertrag handelt, keine fundamentale Regel unseres Rechtes sein kann. Wichtig bei einer Ehe ist, dass beide Parteien diese wollen, ob sie persönlich auf dem Zivilstandsamt erscheinen, ist nicht wichtig. Die Hochzeit mag als Fest wichtig sein, die bei der Verheiratung abgegebene Willenserklärung ist extrem einfach und für praktisch alle Menschen leicht zu verstehen. Es genügt also, wenn sicher gestellt ist, dass die Stellvertreter tatsächlich den Willen der Brautleute vertreten haben. Das ist aber in dem Moment sichergestellt, wo die beiden Brautleute die Einreise des ausländischen Ehegatten in die Schweiz oder - bei Schweizer Ehegatten - den Eintrag in das Zivilstandsregister verlangen. Wenn ein Landwirt den Familienhof, der seit Hunderten von Jahren im Familienbesitz ist, durch einen Stellvertreter verkaufen kann, dann ist dies auch sehr einschneidend und beeinflusst sein Leben vielleicht viel mehr als eine Ehe. Vor allem aber ist dieses Geschäft viel komplexer, weshalb eine persönliche Anwesenheit viel angezeigter wäre, vom Schweizer Recht aber nicht gefordert wird (das Schweizer Recht lässt im Übrigen auch zu, dass in einer Scheidung unter bestimmten Umständen eine Partei nicht persönlich vor Gericht erscheint). Sie können nun entgegnen, wenn man die persönliche Anwesenheit der Brautleute verlangen würde, dann könnte der Ziviilstandsbeamte prüfen, ob es nicht um eine Zwangsehe gehe. Das Argument erledigt sich, wenn man es formuliert, selber. Die Braut, die eine Vollmacht zur Trauung ausstellt, wird auch vor dem Zivilstandsbeamten in Anwesenheit ihres Vaters ja sagen. Zudem wäre wohl die Kontrolle durch einen ländlichen ägyptischen Zivilstandsbeamten/Imam kaum sehr wirkungsvoll. Die Emanzipation der Frau erfolgt erst später, wenn das Zusammenleben unerträglich wird. Das Urteil der Asylrekurskommission, das nicht die Scharia über unser Recht stellte, sondern einfach Art. 45 I IPRG, der schweizerisches Recht darstellt, anwandte, war also richtig und förderte auch nicht die Zwangsehen. Unabhängig davon, ob die Ehe persönlich oder als Handschuhehe geschlossen wurde, wird nämlich die Schweizer Botschaft den ausländischen Ehegatten, der einreisen will, zu seinem Ehewillen persönlich befragen und allenfalls noch Nachforschungen über den Vertrauensanwalt anstellen, was wesentlich wirksamer ist (allerdings keine absolute Garantie bietet). Ich finde es bei solch heikeln Themen wichtig, dass man gerade nicht die unsäglich dummen Schlagworte und Verdrehungen der Schweizerzeit kolportiert. Ich bin überzeugt, dass die Mehrheit der islamischen Väter in der Schweiz gegen Zwangsehen ist, weshalb es wichtig ist, sie nicht vor den Kopf zu stossen. Wir kämpfen nicht gegen eine Kultur, wie Sie es meinen, sondern gegen eine Mentalität, die etwas mit Herkunft (namentlich mit Schichtzugehörigkeit) zu tun hat - da gebe ich Ihnen Recht - aber nicht zwingende Folge einer bestimmten Herkunft ist.

Hilfreiche Sensibilisierung
Catherine Herriger
Noch nie habe ich in einem Medium in so wenigen, aber prägnanten Sätzen die Mentalität der "Balkan-Machos" nachlesen können. Der Autor beweist ein profundes Wissen über mittelalterliches Gewohnheitsrecht, welches Männer legitimiert, Frauen zu missachten, nötigenfalls zu peinigen und sie (oder etwaige Nebenbuhler) gar umzubringen, sollte der eigene Stolz und damit die Ehre angegriffen werden. So genannte "Ehrenmorde" geschehen mit stillschweigender Billigung dieser urpatriarchalen Kultur und geniessen, falls sie in diesen Kreisen überhaupt je vor Gericht erscheinen, mildernde Umstände. In der Schweiz fehlt das (juristische) Verständnis für diese Form des Machismus. 1998 verurteilte die Berner Justiz eine junge Frau der Anstiftung zum Gattenmord. 2003 bestätigte das Bundesgericht das Urteil der Vorinstanzen, laut dem Damaris Keller aus Geldgier ihren wohlhabenden, älteren Mann von einem angeheuerten Killer habe umbringen lassen. Stets beteuerte die Angeklagte ihre Unschuld. Nie würdigten die Strafverfolgungsbehörden die Tatsache, dass ihr angeblicher Auftragskomplize, ein Kosovo-Albaner, ausgerechnet ein von ihr verabschiedeten Liebhaber war. Dies, obwohl die Witwe stets darauf hinwies, dass er sie, nachdem sie die Affäre beendet hatte, wiederholt belästigte und bedrohte. Die Berner Justiz aber ignorierte Herkunft und Ehrenkodex des schmählich abgewiesenen Liebhabers - und damit auch seine tatsächlichen Motive. Der lediglich auf Indizien basierende Hexenprozess um den "Aaremord" durfte seinen unrühmlichen Lauf nehmen. Wären Artikel wie der von Martin Beglinger schon früher erschienen, hätte vielleicht eine für viele Menschen rechtzeitige und damit hilfreiche Sensibilisierung in Bezug auf die gefährlichen Befindlichkeiten der "Balkan-Machos" greifen können ...

Winnetou im "Magazin"
Lilo Roost Vischer
Interessant, dass sich auch "Das Magazin" ein paar feurige Schnellschüsse und vermeintliche Tabubrüche leistet, schade, dass dadurch drängende Probleme eher verschärft als gelöst werden. Da ich ohne Nachfrage namentlich erwähnt und zum Teil indirekt in diese absurde Ethnologinnenschelte reingezogen werde, möchte ich gern folgendes klarstellen: Ich war bei der Basler Veranstaltung gegen Zwangsehe keineswegs gegen das Thema und die Referentin, sondern ich kritisierte pseudowissenschaftliche Argumente von Seyran Ates wie "in Deutschland ist jede zweite Migrantin zwangsverheiratet". Die Formulierung, man würde "Rassismus gegen migrantische Gruppen schüren" habe ich nie verwendet, in einer Partei bin ich auch nicht, weder rot noch grün. Auch die zweite namentlich genannte Ethnologin, Annemarie Sancar, kann ich bei bestem Willen nicht des zitierten "Winnetou-Syndroms" bezichtigen. Als Wissenschafterinnen im angewandten Bereich haben wir die eher mühsame und unsexy Aufgabe, gründlicher nach Fakten und Zusammenhängen zu graben als es dem Kampagnenstil entspricht. Die Einschätzung von Martin Beglinger, dass eine neue Generation am Werk sei, die "Integrationspolitik nüchterner und illusionsloser betrachtet", kann ich leider nicht bestätigen. Im Gegenteil, mir scheint, dass zumindest einige Mitglieder von zwangsheirat.ch wie letzte Überreste militanter aktivistischer Zirkel aus den 70er und 80er Jahren funktionieren, was Ideologie und internes Netzwerk betrifft. Dass das bei vielen gut ankommt, der Sache aber kaum dienlich ist, genausowenig wie solche Presseartikel, gehört leider zur Tabuisierung des Themas. Wir müssen das Phänomen Zwangs- und arrangierte Ehen im hiesigen Migrationskontext verstehen können, rasch nach Lösungen suchen, eine klare Haltung einnehmen und geeignete Präventionsarbeit machen, um Zwangsehen zu verhindern. Dies sollte eigentlich unser gemeinsames Anliegen sein.

Spagat für Engagierte
Regina Probst
Der Spagat ist für Engagierte in Migrationsfragen nicht ganz einfach. Sie müssen die eine Klientele, die sie vertreten, quasi auf der anderen Seite wieder kritisieren. Kleine unabhängige Organisationen kämpfen schon sonst ums finanzielle Überleben und sind fragil. Am Anfang der Zwangsheirat-Debatte vor einigen Jahren, haben sie reflexartig alles abgelehnt, was an Kritik kam, ich wurde als Gründerin und ehemalige Leiterin von Terre des Femmes Schweiz auch angegriffen. Nicht zuletzt fehlte einfach noch das Wissen und die Vorstellung der Dimension dieser "privaten familiären Angelegenheiten". Wahrscheinlich auch das "Wissenwollen". Auch haben die Medien gerne die komplizierten Geschichten zu sehr auf Gut und Böse reduziert. Ich musste immer wieder reklamieren, es sollen meine differenzierenden Ausführungen nicht auf den Satz "Jede zweite muslimische Frau in der Schweiz ist zwangsverheiratet", reduziert werden. Leider schrieben es andere Medien jeweils wieder so ab. Meine ursprüngliche Aussage war aber in etwa, dass jede zweite muslimische Frau in der Schweiz Konflikte mit ihrer Familie bezüglich Partnerwahl und Lebensstil hat und dass es sich vorwiegend um Unterschicht handelt. Am Ende ist davon aber nur eine geringe Zahl auch wirklich unter Zwang verheiratet. Und ich habe immer wieder darauf verwiesen, dass es hierzulande bis etwa vor 50 Jahren bezüglich Moral in den Familien nicht sehr anders gewesen wäre. Aber es geht um zahlreiche Verletzungen von Rechten und Freiheiten an Mädchen und Frauen. Da sollen auch Migrantenorganisationen und Ethnologinnen hinschauen. Punkt. Die Ethnologinnen tun sich meiner Erfahrung nach wirklich am schwersten, denn wie eine davon mir selber gesagt hat, seien sie natürlich idealistisch für ihre "Objekte" eingenommen. Sie pflegen Freundschaften, reisen in die Länder, was ja alles toll ist. Sie kommen in der Regel aus der Mittelschicht und haben folglich keine eigenen Unterschichts-Erfahrungen. Das gibt dann falsche Vorstellungen und Romantisierungen. Das kann schon etwas "Winnetou" werden. Ich pflege als Bauerntochter aus einfachen Verhältnissen auch ein viel nüchterneres Bild vom "Bauernhof" als etwa die städtische Mittelschicht. Ich sage immer, sozialromantische Naivität und Linksradikalismus muss mensch sich erst leisten können.

Nicht an Integrierbarkeit gedacht
Felix de Fries
Die meisten der Immigranten aus Ex-Jugoslawien und aus der Türkei, die heute aus ihrer Heimat Bräute importieren oder Familiennachzug praktizieren, wurden von jenen Gewerbetreibenden als Arbeitskräfte in die Schweiz geholt, die jetzt lauthals mit der SVP ihre Ausschaffung fordern. An ihre Integrierbarkeit wurde dabei gar nicht gedacht. Der ganze Schweizer Arbeitsmarkt im Bau, in der Pflege und im Gastgewerbe beruht bekanntlich darauf, dass man bei Bedarf jederzeit günstige Arbeitskräfte importieren kann. Wer sich hier einmal niedergelassen hat, hat aber das Recht, seinen Glauben und seine Sitten auszuüben und so wie andere Bürger bei Problemen Hilfe zu erhalten. Das Problem sind also nicht die Winnetous in den Sozialämtern, sondern die völlig strukturlose Einwanderungspolitik, welche die Gewerbetreibenden ungehindert seit den 80er Jahren betreiben konnten. Der SVP geht es dabei seit Jahrzehnten im Kern nur darum, durch fremdenfeindliche Kampagnen die Einbürgerung dieser Menschen zu verhindern, weil diese dann das Stimm- und Wahlrecht erhalten würden. Gegen günstige Arbeitskräfte hat sie nichts.

Klare Regeln, langer Atem
François Vogel
Nachdem sich die Probleme rund um die Migration von Kulturfremden Mitbürgern in den letzten 15 Jahren stetig verstärkt haben, und man neuestens diese auf den Tisch bringen darf ohne von Links in die rechtsextreme Ecke gestellt zu werden, ist es an der Zeit, dass wir zu Lösungen kommen wie wir das zusammenleben förderlich gestalten. Klare Regeln aufstellen und umsetzen sowie gute Ideen der neuen Bewohner für unser Land adaptieren. Dass dies einen langen Atem benötigt und über eine Legislaturperiode geht ist klar. Die SVP, die ich nicht zu wählen pflege, bringt die Probleme akzentuiert auf den Tisch und gewinnt Stimmen ohne gute Lösungen zu zeigen. Jetzt ist es an den anderen Parteien diese guten Lösungen zu gestalten und aufzuzeigen und nicht weiter die Augen zu verschliessen.

Pragmatische Ethnologinnen
Thomas Kessler
Im Artikel zu Zwangsheiraten wird meine projektbezogene wissenschaftliche Mitarbeiterin Dr. Lilo Roost Vischer in einem Kontext erwähnt, der den falschen Eindruck erweckt, dass sie einer romantisierenden Sicht der Migration zugetan wäre. Richtig ist das Gegenteil; Frau Roost Vischer zeichnet sich durch ein fundiertes Wissen, viel Praxiserfahrung im In- und Ausland und pragmatische Lösungen in der Projektarbeit aus. Sie leistet als Ausbildnerin von Polizeileuten und anderen Berufsgruppen, die im Alltag die problematischen Seiten der Migration bewältigen helfen, schweizweit Pionierarbeit. Auch als Leiterin des "Runden Tischs der Religionen" und in weiteren Projekten engagiert sie sich erfolgreich mitten in den besonderen Herausforderungen der Migration. Diese Qualitäten teilt sie mit den übrigen Ethnologinnen, die in Basel für die Behörden Integrationsarbeit leisten. Das Sicherheitsdepartement Basel-Stadt arbeitet seit bald 10 Jahren eng mit dem Ethnologischen Seminar zusammen; auch das bewährte Integrationsleitbild des Kantons wurde von einer Ethnologin, Frau Dr. Rebekka Ehret, verfasst.

Ohne Druck wird sich wenig ändern
Rainer Moor
Mit einem ehemaligen Arbeitskollegen aus Zentralanatolien, hatte ich etliche Diskussionen zum Thema Integration.

Er, mit guten Deutschkenntnissen und abgeschlossener Berufslehre, heiratete eine Frau aus seiner Heimat, die anschliessend bei ihm und seinen Eltern in der Schweiz einzog. Für ihn war klar, dass seine Frau nicht arbeiten "muss", weil er schliesslich für sie sorgen kann. Und um mit seiner Mutter den Haushalt zu führen, wozu bitte braucht sie da einen Deutschkurs? Die Rollenteilung ist seit Generationen gegeben; so ist es gut, und so soll es auch bleiben. Ohne Druck wird sich kaum viel, oder nur sehr langsam etwas ändern. Deshalb sind obligatorische Sprachkurse - und bei Verweigerung entsprechende Konsequenzen
(Bussen, Entzug der Aufenthaltsbewilligung), sicher ein Weg, den man ausprobieren sollte!

Entwicklungsmöglichkeiten schaffen
Janine Arpagaus-Egger
Tabubrüche mittels Medienkampagnen eignen sich mitunter bestimmt dazu, gewisse gesellschaftliche Realitäten aufzuzeigen: es ist jedoch ausserdem wichtig, diese wissenschaftlich seriös zu unterlegen. Gerade aus der Perspektive von MigrantInnen und im Hinblick auf die Ergebnisse der letzten Abstimmungen über Migrations- und Integrationsthemen (Bürgerrechtsrevision, Asyl- und Ausländergesetz) scheint dies mehr als angezeigt. Das betont ja auch Andrea Würsten sehr zu Recht. Denn schauen wir doch uns doch ein paar neuere wissenschaftlichen Studienresultate an: 75% der tamilischen Community arbeitet in Zürich in der Küche oder Reinigung, dies obwohl das Bildungskapital aus dem Herkunftsland hoch ist. In anderen Kantonen sieht es kaum anders aus. Hier liegen Ressourcen und Entwicklungsmöglichkeiten brach! In Quartieren wie der Bern- und Baselstrasse in Luzern ist die räumliche Segregation mit MigrantInnenanteilen von knapp 60% an der Wohnbevölkerung zudem äusserst hoch. Die Anteile von AusländerInnen mit einer für die Schweizer Landessprachen entfernten Hauptsprache sind in solchen Quartieren eher im Steigen begriffen. Die Kehrseite einer einseitigen Stärkung migrantischer Gruppenidentitäten ist die Beschränkung der individuellen Entfaltungsmöglichkeiten jeder einzelnen migrantischen Person, dies lässt sich bei Phänomenen wie Zwangsheirat ebenso wie beim Spracherwerb beobachten. Statt sich nach Ethno-Folklore zu sehnen, was der Entwicklungen von Parallelgesellschaften noch Vorschub leistet, sollten auf der Basis von wissenschaftlicher Erforschung der erwähnten Migrations- und Integrationsphänomene konkrete, progressive Massnahmen eingeleitet werden wie die Kampagne gegen Zwangsheirat oder die verbindliche Sprachforderung. Gerade was die Sprachverpflichtung für MigrantInnen betrifft, hinkt die Schweiz hinter den europäischen Nachbarländern nach: hier können wir von gemachten Erfahrungen profitieren und eine Integrationspolitik gestalten, die auf echter Mit-Sprache und Teilhabe beruht und die MigrantInnen ebenso fördert wie fordert. Wenn progressive MigrantInnen selber die Verantwortung für solche Massnahmen übernehmen, dann sind wir auf einem guten Weg. In Basel haben die AutorInnen des neuen Integrationsgesetzes MigrantInnen und einige Linke gegen sich aufgebracht, weil sie die Sprachverpflichtung mit der Aufenthaltsbewilligung verknüpft haben. Damit vermischen sie Integrations- mit Zuwanderungspolitik. Beispielhaft scheint dagegen die Vorgehensweise des alternativen Zuger Kantonsrats Rupan Sivaganesan: Er tastete mit seiner Motion den Aufenthalt nicht an, sondern er setzte bei der Niederlassungsbewilligung an. Die Niederlassungsklausel des migrantischen Politikers Sivaganesan könnte wegweisend sein - für die baslerische Integrationspolitik und für die gesamte Schweiz.

Integration und Unterwanderung
Véronique Egger-Küng
Ihr Artikel wiederspiegelt auch ein Teil meiner Erfahrungen, die ich vor ein paar Jahren machen durfte. Eine 6-köpfige Familie aus Kosovo-Albanien zog damals als meine Nachbarn ein. Der Vater arbeitete seit 23 Jahren bei einer Transportfirma, die Mutter sprach kein Wort Deutsch und verlies die Wohnung sehr selten, vier Kinder waren im Teenageralter, die Wohnung 64m2 gross. Sieben Kinder waren bereits mit Import-Ehemännern oder -Frauen verheiratet und wohnten in einer eigenen Wohnung. In den Sommerferien ging es "nach Hause", wo das älteste der vier Kinder verheiratet wurde. Fortan lebten sieben Personen in diesen 64m2. Das Einkommen, welches die drei älteren Kinder verdienten, mussten sie ohne Abzug Ihrem Vater abgeben. Die Mutter weigerte sich, die Wäsche in der hauseigenen Waschmaschine zu waschen, in welcher wir "Ungläubigen" unsere Wäsche wuschen. Sie wusch alles von Hand. Getrocknet wurde ebenfalls in diesen 64m2. Innert kürzester Zeit war die Wohnung verschimmelt. Die Familie zog weg, der Vermieter hatte das Nachsehen. Ein paar Jahre später traf ich eines der Mädchen, unterdessen 21 Jahre alt, wieder. In der Zwischenzeit verheiratet mit einem Import-Ehemann aus Kosovo-Albanien und schwanger mit dem dritten Kind. Es erfüllt mich mit Freude, dass Sie sich die Zeit genommen haben, um dieses Dilemma an die Öffentlichkeit zu tragen. Soviel zum Thema Integration und Unterwanderung.

Gemeinsam für unsere Überzeugungen kämpfen
Margrit Kuhn
Was mich am Artikel über die Zwangsheiraten stört, ist das Auseinander-Dividieren der „alten„ - sprich verbiesterten - Frauen, den verstaubten Theoretikerinnen, und den „jungen“ - sprich attraktiven - Frauen, den modernen Pragmatikerinnen. Das hat in letzter Zeit System. Wir alle – Jung und Alt - berufen uns auf die Menschenrechte, welche mit der Magna Charta schon im Jahre 1215 in England einen Anfang nahmen und seither über Jahrhunderte weiterentwickelt wurden. Wie der Artikel schreibt, sind die Forderungen, die Menschenrechte auch auf Frauen von andern Kulturkreisen anzuwenden, noch nicht alt, eigentlich haben sie erst mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts wirklich eine nachhaltige Verbreitung in der westlichen Bevölkerung gefunden. Dies ist sicher ein Verdienst nicht nur der im Artikel erwähnten Necla Kelek, sondern auch von Nahed Selim „Nehmt den Männern den Koran“ oder Ayan Hirsi Ali „Ich klage an“ und deren Vorläuferin Fatima Mernissi, der marokkanischen Autorin und Soziologie-Professorin und andern, die ich nicht kenne. Es ist auch richtig, dass die Forderungen dieser Frauen zum Beispiel ins Integrationspapier der SPS keinen Eingang gefunden haben. Entscheidend jedoch dünkt mich, dass uns die genannten Frauen auffordern, für unsere westlichen Überzeugungen einzustehen, selbstbewusst als Inländerinnen für die über Jahrhunderte mit zahlreichen Opfern – davon viele Frauen – erkämpften Werte einzustehen und damit allen Frauen – auch Migrantinnen – den Boden für die Besserstellung ihrer Situation zu bereiten. Denn eines ist klar, mit der ökonomischen, politischen und familiären Besserstellung der Frauen hapert es, seien sie Inländerinnen oder Migrantinnen. In diesem Sinne appelliere ich an alle Frauen, sich dem männlichen „Teile und herrsche-Prinzip“ zwischen jungen und alten Frauen nicht zu unterwerfen.

Das gemeinsame gute Leben als Ziel
Gisela Hürlimann
Bevor ich auf Lilo Roost Vischers Beitrag eingehe, möchte ich festhalten: Ich bin nicht im Kernteam von zwangsheirat.ch, sondern wirke als eine der wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen. Das Kernteam besteht aus MigrantInnen und Einheimischen und arbeitet mit weiteren Personen zusammen, die einen unterschiedlichen „ethnischen“ und sozialen Hintergrund aufweisen und unterschiedliche persönliche Einstellungen mitbringen. Doch in einem sind sie sich einig: Sie wollen individuelle Menschenrechte auch bei MigrantInnen verankern. Das bedingt mühsame Knochenarbeit und ist tatsächlich völlig „unsexy“, um den seltsamen Sprachgebrauch von Frau Roost Vischer aufzunehmen. Lilo Roost Vischers Etikettierung von Personen aus >zwangsheirat.ch – ein Programm verankert Menschenrechte< (so der volle Titel) als quasi altlinke Ideologen ist befremdlich und unzutreffend. Einerseits, weil die meisten dieser Personen die 1970er-Jahre höchstens noch als Babys erlebt haben. Anderseits wundert es mich, dass eine Ethnologin nicht nachvollziehen kann, dass Menschen aus südlichen und südöstlichen Ländern eine andere Dynamik in Projekte und Vereine bringen: Solidarität statt Einzelprofilierung und Individualität statt Individualismus. Das auf eine Weise abzukanzeln, wie das Frau Roost Vischer tut, zeugt für mich von Adultismus gegenüber diesen mehrheitlich jungen Personen und von einer gewissen Ignoranz gegenüber der Tatsache, dass die Verantwortung des Programms durch MigrantInnen wahrgenommen wird. Ist bei dieser Ignoranz wohl Eurozentrismus im Spiel? Mit altlinker Ideologie hat www.zwangsheirat.ch nichts zu tun. Sondern mit der Bereitschaft, sich für das ethische Ziel einzusetzen, ein gutes Leben für alle in diesem Land zu erreichen. Bevor man diese Bemühungen herabwürdigt, sollte man sich vergegenwärtigen, was das heisst: Da sind junge MigrantInnen dabei, die teilweise in ihrer Bekanntschaft oder Verwandtschaft mit solchen Zuständen konfrontiert sind, und die es dennoch – oder gerade deswegen – wagen, das zu kritisieren, um es zu ändern. Es sind hauptsächlich MigrantInnen und Second@as und die mit ihnen verbundenen Einheimischen, die Tausende Stunden ehrenamtliche Arbeit – Recherchen, Diskussionen, Veranstaltungsvorbereitungen, Schulworkshops, Interviews und Beratung für Betroffene, Vermittlungsgespräche mit Eltern – leisten, um diesem besseren Leben für MigrantInnen näher zu kommen. Ein fortschrittliches und emanzipatorisches Integrationsverständnis wäre es, wenn man diese ehrlichen und offenen Bemühungen und das vertiefte Insiderwissen dieser Menschen ernst nehmen und in einen gleichberechtigten Dialog mit ihnen treten würde.

Zur „Ethnologinnenschelte“: Zunächst sei der Ethnologe (!) Claude Meillassoux zitiert, der bereits 1980 vor der „Verwendung und dem Missbrauch“ des ethnologischen Ansatzes gegenüber ArbeitsimmigrantInnen warnte (Claude Messailloux, Gegen eine Ethnologie der Arbeitsmigration, in: Jochen Blaschke und Kurt Greussing, Dritte Welt in Europa, Frankfurt a.M. 1980). Ich würde Meillassoux’ Aussage dahingehend nuancieren, dass der Gebrauch überholter ethnologischer Ansätze im Bereich der Integrationspolitik kritisch zu hinterfragen ist. Als Historikerin möchte ich darauf aufmerksam machen, dass wir es seit der Nachkriegszeit mit drei migrationspolitischen Hauptmodellen zu tun hatten: erstens mit dem Rotationsprinzip nach dem Motto: Fremde gehören nicht auf Dauer hierher. Darauf wechselte man allmählich zum Assimilationsprinzip nach dem Motto: Fremde können bleiben, sollen sich aber anpassen. In den 1970er/80er-Jahren setzte sich drittens das Multikulturalismuskonzept durch, das aufrief, Gruppenvielfalt anzuerkennen statt auf Homogenisierung zu setzen. Für diesen dritten und damals progressiven Ansatz haben EthnologInnen viel getan. Doch wie präsentiert sich die Situation seit den 1990er-Jahren? Das Saisonnierstatut ist abgeschafft, die Möglichkeiten für den Familiennachzug wurden über Jahre hinweg erweitert, so dass heute die nachziehenden Ehegatten und Kinder die grösste Gruppe der Zuwandernden bilden (2005 ca. 37%). Gleichzeitig zeichnet sich im Innern etlicher migrantischer Communities eine Entwicklung ab, die Anzeichen einer Reethnisierung trägt. Damit bezeichnet die Soziologie die Hinwendung zur tatsächlichen oder vermeintlichen Ursprungskultur in der Minderheits- und/oder Emigrationssituation. Sichtbares Zeichen davon sind die vielen Satellitenschüsseln, die vielen eigenen Geschäfte, eigene Folklorevereine etc. etc. Und natürlich sind arrangierte oder erzwungene Ehen der eigenen Kinder mit Landsleuten ein Ausdruck davon. Die Gründe sind vielfältig. Dabei spielen auch die häufige Nichtanerkennung des Bildungskapitals von MigrantInnen in der Schweiz, die Diskriminierung auf dem Lehrstellen- und Arbeitsmarkt sowie Prozesse der Ausgrenzung und Stigmatisierung durch fremdenfeindliche Parteien und die schweizerische Mehrheitsgesellschaft eine Rolle. Wenn der lebensweltliche Bezugspunkt sich ausschliesslich bei der eigenen Community befindet, dann leben diese Menschen nicht mehr gemeinsam mit uns, sondern in Parallelgesellschaften. Solche gibt’s zwar auch am anderen Ende der sozioökonomischen Skala: die angelsächsische Community in Zürich etwa. Parallelgesellschaften sind solange kein Problem, als sie den Status ihrer Mitglieder in der Gesellschaft nicht verschlechtern und deren Individualrechte nicht schmälern. Das letztere entspricht auch einem Postulat der Gerechtigkeitstheoretikerin und Philosophin Nancy Fraser. Genau diese zwei Prärogative sind aber bei vielen der im Artikel porträtierten und bei weiteren unterprivilegierten migrantischen Familien nicht gegeben: Für sie als sozioökonomisch Unterprivilegierte und gesellschaftlich Diskriminierte wirkt sich die Überbetonung von Gruppenkultur und Familientradition einerseits und die Vernachlässigung individueller Wünsche anderseits negativ aus. Das verstärkt die vorhandene Benachteiligung. Und statt dass der Abstand zur gesellschaftlichen Mehrheit vermindert wird, vergrössert sich dieser noch. Zudem kann die Überbetonung von Gruppenidentität auf Kosten individueller Freiheit auch zu Menschenrechtsverletzungen führen, insbesondere deshalb, weil Traditionalismus mit Vergeschlechtlichung einher geht: mit antiquierten Vorstellungen, was die Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen anbelangt. Die Vergeschlechtlichung, wie sie sich in Zwangsheirat und Jungfräulichkeitskult äussert, ist sehr ernst zu nehmen. Denn die Mehrheit in diesem Land tickt anders: da wird aus Liebe oder zumindest nach freier Wahl geheiratet, wenn überhaupt. Warum sollte diese Normalität für unterprivilegierte MigrantInnen nicht auch gelten dürfen? In der Integrationsarbeit müssen deshalb ergänzende Ansätze entwickelt werden: neben der Gruppenvielfalt soll auch die individuelle Vielfalt, sollen die individuellen Rechte von MigrantInnen gefördert werden. Hier tut sich denn auch genau jener Gegensatz auf zu überholten ethnologischen Einstellungen, die der Ethnologe Messailloux 1980 anprangerte. Es gab und gibt sie natürlich, die EthnologInnen, die moderne Ansätze vertreten, welche für die komplexe Situation heutiger MigrantInnen aus der Flüchtlingsmigration und aus dem Familiennachzug passen. Eine dieser EthnologInnen war in Basel Rebekka Ehret, die inzwischen nicht mehr im Integrationsbereich arbeitet. Denn als WissenschaftlerInnen muss uns interessieren, wie ein gutes Zusammenleben gesellschaftlich möglich ist. Deshalb sollten wir für Neuerungen offen sein, die einer veränderten gesellschaftlichen Realität Rechnung tragen. Das wäre mein Wunsch an die Integrationsakteurinnen und –akteure.
Gisela Hürlimann

Integration klappt nicht ohne Schweizer/innen
Simone Gretler Heusser
Die im Bericht geschilderten Geschichten sind glaubhaft – allerdings sind die sommerlichen Hochzeitsfeste am Herkunftsort wohl eher pragmatisch zu erklären, denn auch Migrantinnen und Migranten sind heute mobil und leben ihr Leben „hier und dort“. Und diese jährlichen Familientreffen verhindern gerade, dass der Kosovo oder das bosnische Dorf Reservat bleiben könnten, viel zu intensiv ist der Austausch mit den Ausgewanderten. Ich nehme keinen Graben wahr zwischen „tonangebenden Leuten der Integrationsindustrie“ und der Arbeit von jungen Fachleuten wie Ylfete Fanaj oder Lathan Suntharalingam – vielmehr hat ein Integrationsdiskurs diesen Namen erst verdient, wenn verschiedene Stimmen mitdiskutieren, sogar die SVP.

Über Integrationsvereinbarungen und obligatorische Sprachkurse kann man ewig streiten; die einzig mir bekannte wissenschaftliche Untersuchung zu diesem Thema kam zum Schluss, dass Wirkung nicht durch Zwang erreicht werden kann. Jedoch ist klar, dass Integrationsmassnahmen besser greifen und mehr Menschen erreichen, wenn sie selbstverständlich dazu gehören – da können obligatorische Kurse meiner Meinung nach durchaus sinnvoll sein. Zu Recht wird betont, dass Sprachkenntnisse der Eltern für die Schulchancen der Kinder von Bedeutung sind, und dort, wo Elternarbeit ernst genommen wird, kann sie durchaus zur sozialen Integration der ganzen Familie beitragen. Schade, wurde das im Magazin-Artikel vor ein paar Wochen über die Amerikanerinnen in ihrem Strickclub nicht thematisiert... In Annemarie Sancars Appell, „Ereignisse wie häusliche Gewalt oder Zwangsehen“ nicht mit „Herkunft“ oder „Kultur“ zu verknüpfen, sehe ich weniger ein Denkverbot als das Anliegen, kriminelle Handlungen wie die genannten mit dem bestehenden Strafrecht zu ahnden. Wir vergessen oft, dass gerade jene Menschen, die während der Kriege im damaligen Jugoslawien in die Schweiz geflüchtet sind, die Rechtssicherheit in der Schweiz hoch schätzen. Deshalb ist es ihnen nicht verständlich, warum man z.B. in einem Mordfall mit Migrantenbeteiligung kulturelle Kategorien und nicht rechtsstaatliche Argumente ins Feld führt. Diese Form von „Spezialbehandlung“ ist gut gemeint, im Grunde genommen aber eine besonders arrogante Form des Ausschlusses.
Simone Gretler Heusser, Ethnologin und SP-Mitglied

Es ist das Patriarchat
Doris Angst
Es gibt keinen Zweifel, dass Frauenrechte Menschenrechte sind und Frauen vor Zwangsheiraten geschützt werden sollten. Ich selber habe schon solche Begleitungen gemacht, durchaus mit Druckausübung auf die Väter. Die www.zwangsheirat -Gruppe tut sicher Nützliches. Allerdings gleitet die Argumentation, es sei dies unveränderlich der „Kultur“ der Zuwanderer zuzuschreiben, eben doch rasch ins Rassistische ab (hart an der Grenze dazu schrammen meiner Meinung nach die begleitenden Illustrationen), wie Annemarie Sancar in ihren Forschungen richtig ausführt. Vielmehr ist es das Patriarchat, das solche Unterdrückungsformen gegenüber Frauen, Söhnen, Töchtern hervorbringt. Es herrschte bis vor nicht allzu langem auch in Westeuropa – man lese nur mal wieder Fontanes Effi Briest (1895).
Migrantische opinion formers haben es in der Schweiz schwer
Sanaz Rahimifar
Frau Roost Vischer greift in Ihrem Beitrag Seyran Ates, die mit Lilo Roost auf dem Basler Podium war. Ursprünglich hatten wir Thomas Kessler für die Basler Veranstaltung eingeladen, der aber verhindert war. Basel Integration hat dann Lilo Roost Vischer aufs Podium delegiert. So bekamen wir die Gelegenheit, die Positionen von Frau Roost Vischer, die uns bisher nicht als Expertin in Fragen der Zwangsheirat in der Schweiz bekannt war, zu erfahren. Auch Seyran Ates hat bisher keine wissenschaftlichen Forschungen zu diesem Thema betrieben. Aber sie beschäftigt sich seit 1983 mit diesem sozialen Problem. Als erste im deutschsprachigen Raum hat sie das Thema überhaupt auf die politische Agenda gebracht, und zwar erstmals an einem feministischen Kongress. Seither hat sie als Anwältin trotz massiver Bedrohungen und einer lebensgefährlichen Schutzssverletzung jahrelang viele betroffene Frauen – und auch einige Männer – aus ganz Deutschland vertreten hat. Sie hat Bücher zum Thema geschrieben und ist auch im deutschen Bundestag fürs Dossier Zwangsheirat zuständig. In allen diesen Funktionen hat sie sich unermüdlich für Aufklärung und für die Betroffenen eingesetzt. Diese Bemühungen wurden auch mehrfach ausgezeichnet, zum Beispiel jetzt gerade am 21. Juni mit der höchsten Auszeichnung der Bundesrepublik Deutschland, dem Bundesverdienstkreuz (http://www.bundespraesident.de/dokum...g/dokument.htm). Im Januar 2007 hat sie bereits den Margherita-von-Brentano-Preis der renommierten Freien Universität Berlin für wissenschaftliche Leistungen im Bereich der Frauenförderung sowie der Geschlechterforschung bekommen. Das zeigt, dass ihr bisheriges Engagement auch für Wissenschaftlerinnen interessante Ansätze liefert. Eine echte Auseinandersetzung lohnt sich also, auch wenn man nicht mit allen Positionen von Seyran Ates einverstanden ist. Ich denke, damit muss ich ihre Wahl für das Basler Podium nicht weiter rechtfertigen. Wer noch mehr über sie wissen will, erhält hier einen schnellen Überblick (http://de.wikipedia.org/wiki/Seyran_Ate%C5%9F).

In Basel haben wir das Problem der Zwangsheirat auch aus der schweizerischen Perspektive ausführlich thematisiert: mit dem Referat von Anu Sivaganesan. Und auch durch die Podiumsteilnehmerinnen, die Basler zwangsheirat-Projektleiterin Janitha Suntharalingam und Marlène Schenk. Anu Sivaganesan fand auch einen angemessenen schweizerischen Vergleich fürs veraltete Traditionen: nämlich die bisherige Praxis, den Schweizer Soldaten das Sturmgewehr mit nachhause zu geben, trotz Studien, die den Zusammenhang mit Suizid und Tötungen von Frauen und Kindern zeigen. Wir haben bisher durch unser Vorgehen auch verhindert, das dieses soziale Problem von der falschen Seite instrumentalisiert wird.Aber warum „brauchen“ wir überhaupt eine Seyran Ates auf Besuch in der Schweiz? Weil wir bisher keine politischen, wissenschaftlichen oder themenbezogenen migrantischen Meinungsbildner/innen (community opinion formers) auf nationaler Ebene haben. Wenn wir das Beispiel Deutschland nehmen, dann gibt es fürs Thema Zwangsheirat folgende Personen: Seyran Ates, Serap Cileli, Necla Kelek, Ahmet Toprak, Fatma Bläser, Evrim Baba und Lale Akgün und andere. Warum gibt es in der Schweiz keine solche community opinion formers, welche sich mit Menschenrechtsfragen auch bei Migrantinnen und Migranten beschäftigen? Meine Meinung ist, weil Migrantinnen und Migranten hier politisch und wissenschaftlich einfach noch zu wenig emanzipiert sind und zu stark bevormundet werden. Das wollen wir mit unserem Programm zu Zwangsheirat ändern. Gleichzeitig finde ich, dass man die Medienberichte zu diesen Themen schon mit einer gesunden Portion Skepsis lesen soll. Denn sie vereinfachen manchmal mit Sensationslust und Exotisierung zu stark. Deshalb ist es umso wichtiger, dass es solche Austauschmöglichkeiten gibt wie jetzt dieses Online-Forum. Thomas Kessler hat vom Winnetou-Syndrom gesprochen. Es ist sehr wichtig, dass Personen, die im Integrationsbereich tätig sind, ihren Wissenshorizont erweitern und ihre Scheuklappen aufgeben. Dafür ist es nötig, dass sie ihren Platz im Integrationsbereich mindestens mit Migrantinnen und Migranten teilen, damit zusammen gute Lösungsansätze erarbeitet werden können. Es gibt viele Personen mit Migrationshintergrund, die das können, doch dazu brauchen sie eine Plattform und Möglichkeiten.
P.S: Ich war Hauptverantwortliche für die Zuger Veranstaltung „Mit Zwang zur Heirat?" von >zwangsheirat.ch - ein Programm verankert Menschenrechte<

Zuerst Lesen und dann (be-)urteilen
Marlène Schenk
Bevor Doris Angst das Team von >zwangsheirat.ch< der einseitigen Kulturalisierung dieses Problems beschuldigt, würde ihr ein Blick auf unsere Website www.zwangsheirat.ch und sorgfältiges Lesen derselben gut tun. Denn dann würde sie feststellen, dass wir uns ganz und gar nicht mit monokausalen Erklärungen zufrieden geben, weder bezogen auf die Kultur noch, wie offenbar Frau Angst, auf das Patriarchat. Sie würde feststellen, dass wir den Blick auf die verschiedenen möglichen Einflussfaktoren sowohl auf der Mikro-, Meso- wie auch Makroebene richten. Der monokausale Erklärungsansatz des Patriarchats kann auch mit dem Beispiel des „Muttermythos" relativiert werden, auf den Lale Akgün aus Deutschland hingewiesen hat. So sind die Mütter als die Erziehungsverantwortlichen wesentlich an der Weitergabe und Durchsetzung von traditionellen Geschlechterverhältnissen beteiligt, selbst dann, wenn ein Vater diesbezüglich eine liberale Haltung vertritt. So haben auch schon Mütter Zwangsheiraten ohne Einverständnis der Väter durchgesetzt. Dies sind Indizien eines „unterwanderten Patriarchats".

Auf der Website werden sodann neben den autoritären, traditionell-konservativen Familieneinstellungen und –strukturen ebenbürtig weitere Faktoren wie die restriktive Zuwanderungspolitik für „Drittstaatenangehörige", die Diskriminierung durch die Mehrheitsgesellschaft wie auch ökonomische Gründe hervorgehoben. Weitere Erklärungsansätze lesen Sie unterhttp://www.zwangsheirat.ch/zwangshei...n_ursachen.htm. Das Phänomen der reaktiven Reethnisierung hat übrigens bereits Gisela Hürlimann in ihrem Forumbeitrag beschrieben. Was hat das alles mit einseitiger Kulturalisierung zu tun?!

Überzeugen Sie sich selbst und lesen sie auf der Website nach wie >zwangsheirat.ch< Sensibilisierungs- und Aufklärungsarbeit betreibt. Es ist auch ein Verdienst dieser Kampagne, dass mit den verschiedenen Veranstaltungen, der Website und dem 8er-Postkartenset, auf denen auch prominent zwei Menschen srilankischer Herkunft abgebildet sind, der Islamisierung dieses Problems entgegengewirkt werden konnte.

Von Annemarie Sancar sind mir in Bezug aufs Thema Zwangsheirat keine eigenen wissenschaftlichen Forschungen bekannt. Das Basler Projektteam wollte sie an die Veranstaltung mit Seyran Ates einladen als Podiumsgast, was Frau Sancar wegen einer Terminkollision ablehnen musste. Es fällt mir einfach auf, dass von unserer Dialogbereitschaft besteht und wir IntegrationsakteurInnen regelmässig einladen oder es zumindest versuchen. Umgekehrt fand das jedoch bisher nicht statt. Ich nehme auch nicht an, dass Doris Angst sich auf Frau Sancars Stellungnahme im „Widerspruch" bezieht, wenn sie von Forschungen spricht. Meines Wissens gibt es in der Schweiz über dieses soziale Problem nämlich bisher nur die explorative Studie des Vereins Surgir und daneben einige Maturaarbeiten bis hin zu Masterarbeiten, welche >zwangsheirat.ch< im seinem Forschungsarchiv sammelt und analysiert. In dieses Archiv und damit in die Grundlagenarbeit unseres Programms werden auch Forschungen aus anderen Ländern einbezogen.

>zwangsheirat.ch< betont unermüdlich, wie komplex dieses soziale Problem ist und dass es deshalb eines differenzierten Umgangs damit bedarf. Das multiethnisch und interdisziplinär zusammengesetzte Team betreibt die hierfür notwendige Grundlagenforschung ohne partialanalytische Einschränkungen. Diese trägt Früchte, nicht nur wissenschaftlich, sondern auch für die Betroffenen, denen wir präventive Massnahmen und Auswegsmöglichkeiten aufzeigen und die wir betreuen. Das Vertrauen, das uns die Betroffenen entgegenbringen, bringt uns mit vielen versteckten Realitäten in Kontakt. Es sind nebst den wissenschaftlichen Analysen auch diese authentischen Erfahrungen der Betroffenen, auf die wir unsere Aussagen fundieren.

Wer sich für den Dialog interessiert, kann jederzeit mit uns in Kontakt treten (http://www.zwangsheirat.ch/kontakt.htm). Jede konstruktive Mitgestaltung bei der Lösung dieses sozialen Problems ist hoch willkommen.
Marlène Schenk (universitärer Forschungsschwerpunkt: Zwangsheiraten in der Schweiz)

Tamilen - arrangierte und nicht Zwangsheirat
Damaris Lüthi
Arrangierte Heirat bedeutet nicht immer Zwangsheirat, zumindest nicht bei tamilischen Familien. Damit nicht alle Bevölkerungsgruppen mit nicht-westlichen Wurzeln pauschal als rückständig und gewalttätig verachtet und verurteilt werden ist es wichtig, das Thema differenziert zu betrachten. Nicht alles, was nicht "Liebesheirat" ist, ist eine Zwangsheirat mit unabsehbaren, schlimmen Folgen, und auch innerhalb bestimmter Volksgruppen denken Menschen individuell und nicht nur in bestimmten Schemata.

Ein Beispiel: Als ich Mitte der 1990er Jahre während eineinhalb Jahren in einem ärmlichen Quartier einer tamilischen Kleinstadt eine ethnologische Feldforschung zu einem ganz anderen Thema durchführte, war der Alltag begleitet von Gesprächen zu Heiratsverhandlungen. Meine Assistentin Vanilakshmi beispielsweise, Angehörige einer sehr tiefen und ökonomisch schlecht gestellten Kaste, jedoch ausgestattet mit einem Master in Folklore Studies, war mit 26 noch unverheiratet und wünschte sich, dass ihre Familie endlich den richtigen Mann für sie finde. Zu Anfang versuchte ich sie selbstverständlich davon abzubringen und zu überzeugen, dass eine gebildete Frau wie sie sich doch ihren Mann selbst aussuchen könne, sich nicht dem Diktat der Familie unterordnen solle, und dass sowieso eine Heirat auch nicht zwingend sei. Sie jedoch sah das ganz anders. Sie fand, sie habe das Recht zu heiraten, und zudem müsse nicht sie selbst sich darum kümmern, sondern dies sei die Pflicht ihrer Angehörigen. Der Bräutigam müsse ausserdem aus derselben Kaste stammen, weil es sonst später wegen unterschiedlicher Lebensstile und Rituale nur Probleme gebe. Leider seien ihre beiden Brüder sehr faul, nervte sie sich, und strengten sich nicht wirklich an, den Passenden für sie zu suchen. Trotz des anscheinend eher bescheidenen Engagements der Familie tröpfelten nach und nach Vorschläge für Heiratskandidaten herein, die jedoch bei Vanilakshmi nie auf Gehör stiessen: Der eine hatte den falschen Beruf, der andere verlangte zuviel Mitgift, der dritte hatte eine Glatze, beim vierten lebte die Mutter noch (und würde sie als böse Schwiegermutter später drangsalieren), der fünfte hatte das falsche Horoskop, und der sechste war schon über 35, so dass man sich fragen müsse, ob er nur deshalb noch nicht verheiratet sei, weil er an einer unheilbaren Krankheit leide, die von der Familie verheimlicht werde. Meine Assistentin redete bei ihrer arrangierten Heirat klar mit, und ihre Ansprüche auf einen gebildeten, gutaussehenden, gutverdienenden Traummann mit toter Mutter, fand ich, waren nicht unbescheiden. Aehnliches beobachtete ich bei meinen Nachbarinnen im heiratsfähigen Alter. Da wurden Passphotos verglichen und Abbildungen militärischer Abzeichen mit Lupen untersucht, besuchten Brüder mögliche Schwiegerfamilien, um zu kontrollieren, ob es im Haushalt einen Kühlschrank und weitere Annehmlichkeiten habe, wurde die Mutter eines Kreuzcousins verflucht, die ihren gebildeten Sohn nicht hergeben wolle, Horoskope studiert und Charakter diskutiert. Erst wenn die "Braut" nach langen, umständlichen Recherchen der Familie einwilligte, wurde ein erstes Treffen der KandidatInnen vereinbart. Auch für Vanilakshmi konnte schliesslich der passende Mann gefunden werden, mit dem sie nun seit mehr als 10 Jahren glücklich verheiratet ist, und ich musste zu Ende meines Aufenthalts zugeben, dass die arrangierte Heirat über diese Art familiäre Heiratsvermittlungsinstitute auch ihre guten und vor allem bequemen Seiten hat. Seit rund 25 Jahren leben Menschen aus der südasiatisch-tamilischen Region, in der ich forschte, als Flüchtlinge in der Schweiz. Mit zwei Mitarbeiterinnen führte ich von 2001-03 eine Feldforschung zum sozialen Wandel bei Tamilinnen im Raum Bern durch. Während eineinhalb Jahren begleiteten wir mehr als 90 Personen der 1. und 2. Generation, vorwiegend Frauen, und ihre Familien. Die Studie zeigte, dass die erste Generation viele der mitgebrachten Lebens- und Denkweisen perpetuiert. Dazu gehört auch die arrangierte Heirat. Was uns aber erstaunte war, wie sehr die nachwachsende Generation die mitgebrachten Werte und Verhaltensweisen immer noch für sich beansprucht. Rund die Hälfte der jungen Schweizer Tamilinnen beispielsweise wünscht, dass ihre Heirat arrangiert werde. Viele sind froh darüber, dass sie den Stress der Partnersuche delegieren können. Manche wählen in einer Art Mischform den Partner selbst aus, worauf die Angehörigen die Heirat unter der Etikette "arrangiert" in die Wege leiten, mit den traditionellen Aspekten wie Verlobung und Mitgift etc. Andere junge Frauen indessen geraten in Konflikt mit den Eltern und Brüdern, weil sie ihren Lebenspartner selbst wählen möchten und sich die Wahl nicht als "arrangierte Ehe" kaschieren lässt. Die Angehörigen sind verunsichert, weil sie befürchten, aus dem tamilischen transnationalen Sozialsystem ausgeschlossen zu werden, wenn die Tochter aus der Reihe tanzt; ausserdem halten sie angesichts der hohen Schweizer Scheidungsrate die "Liebesheirat" für zu wenig stabil. Den Familien solcher "abtrünniger" junger Menschen sollte man beratend zur Seite stehen, damit sie in der Exilsituation neue Heiratsformen akzeptieren. Die anderen jedoch, die freiwillig für sich eine arrangierte Heirat beanspruchen, kann man angesichts der Harmlosigkeit und gar Vorteile ihres Modells sowie der fehlenden Erfolgsquote der Schweizer "Liebesheirat" durchaus in Ruhe lassen. Probleme, die ein Paar nach einer transnational arrangierten Heirat hat, haben im übrigen häufig weniger mit der Heiratsform, als mit unterschiedlicher Sozialisation und Isolation im Gastland zu tun: Ehen zwischen tamilischen PartnerInnen aus verschiedenen Migrationsländern mit ähnlichem, z.B. europäischem Lebensstil, funktionieren anscheinend besser als Ehen zwischen Flüchtlingen und Personen aus der srilankischen Heimat. Forschungen in Grossbritannien mit seiner langen südasiatischen Migrationstradition bestätigen dies: Junge SüdasiatInnen nachwachsender Generationen beanspruchen zwar auch dort verbreitet für sich immer noch die arrangierte Heirat oder Mischformen, verzichten jedoch angesichts derer "Rückständigkeit" lieber darauf, "rustikale" PartnerInnen aus der Heimat zu berücksichtigen. Dazu kommt, dass viele zur Heirat Eingewanderte hier sehr isoliert leben müssen und nicht in ein Tamilenquartier ziehen können, wie man sie in Kanada, Frankreich oder Grossbritannien kennt. Angesichts der Vielfalt der Faktoren, die in der komplexen Exilsituation bewirken können, ob eine Ehe glücklich wird oder nicht, reicht es nicht, die Einwanderer zur "Liebesheirat" zu zwingen. Es braucht Begleitung, Beratung und manchmal Einschreiten durch kompetente Fachleute. Im übrigen ist es nicht ganz überzeugend, als einzige Stimme der Tamilen den jungen Luzerner Politiker Lathan Suntharalingam zu erwähnen. Bis vor einiger Zeit trat er gegenüber seinen tamilischen Landsleuten noch für die arrangierte Heirat ein, macht sich nun aber in der SP für die allumfassende Integration stark und dadurch beliebt, dass er sich über diejenigen seiner Landsleute lustig macht, für die srilankische Werte auch im Exil noch eine Bedeutung haben.zialkassen, äh gegen ihre international gewollte Versklavung aufbegehren. Dabei ist der Begriff Plünderung eigentlich völlig falsch, weil eine Plünderung immer auch ein Ende findet. Aber hier wird nicht geplündert, sondern dauerhaft versklavt. Jede andere Beschreibung geht am Kernproblem vorbei. Und das Fatale an dieser schleichenden Versklavung besteht eigentlich daran, daß sich ein Volk der Hochkultur, ohne jede Not von sogenannten Unberührbaren versklaven läßt. Hier sind die Fakten:

Bis dass der Zwang euch bindet
Aus Das Magazin

Quelle: http://www.dasmagazin.ch/index.php/B...ng_euch_bindet

Er braucht etwas «Unverdorbenes», also eine aus der Heimat importierte Braut.
Bild: Benjamin Güdel
Sie soll froh sein, dass für sie der «Richtige» gefunden wurde. Bild: Benjamin Güdel

Sie soll froh sein, dass für sie der «Richtige» gefunden wurde.
Bild: Benjamin Güdel
AdLINK Internet Media AG

Tausende von Bräuten aus dem Balkan, der Türkei und Sri Lanka werden jährlich in die Schweiz geholt. Da gibt es nichts zu feiern.

Bald ist wieder Saison. Sommer für Sommer fahren und fliegen Tausende von Migrantenfamilien aus der Schweiz für zwei oder drei Wochen in ihre Heimatländer, um dort Ferien zu machen. Und um Hochzeiten einzufädeln. Von der Heiratssaison 2002 in Bosnien kann zum Beispiel Lejla berichten, die in Wirklichkeit anders heisst, aber nie mit richtigem Namen an die Öffentlichkeit träte. Zu schwer wiegt für sie die Schmach.

Lejla, heute 23, sitzt in einem Hinterzimmer in der Nähe von Aarau und erzählt, wie sie im Juli 2002 Besuch aus der Schweiz erhielt. Ein bosnischer Vater, eine Mutter und deren Sohn standen an ihrer Haustür in Srebrenica. Fremde Leute, die Lejla noch nie zuvor gesehen hatte. Die junge Frau wusste einzig von ihrem eigenen Vater, dass sie diesen bosnischen Eltern aus der Schweiz bei einem früheren Besuch in Srebrenica auf der Strasse aufgefallen und offenbar als valable Ehefrau für ihren Sohn Mersad* taxiert worden war. Lejla war zwar etwas überrascht von diesem Interesse, denn sie war damals erst 18 und hatte eben Arbeit als Coiffeuse gefunden. Handkehrum war diese Art des Kennenlernens nichts Aussergewöhnliches im ländlichen Bosnien.

So unternahm Lejla mit Mersad, der ebenfalls erst 18 und im dritten Lehrjahr war, ein paar Spaziergänge. Ihr Vater hatte zwar erklärt, sie dürfe auch Nein zu einer eventuellen Heirat sagen, doch Mersad war ihr sympathisch und wurde es beim Telefonieren und Simsen in den nächsten sechs Monaten immer mehr. Lejla kannte viele junge Leute, die in den letzten Jahren Srebrenica verlassen hatten, jene Kleinstadt, die 1995 schreckliche Bekanntheit durch ein Massaker an mehr als 7000 Bosniaken erlangt hatte. Doch sie selber, Tochter eines Polizisten, hatte nie ans Auswandern gedacht, bis sie Mersad kennenlernte. Im Dezember 2002 wurde geheiratet, im Februar 2003 zog Lejla offiziell und ohne grössere Formalitäten in die Schweiz nach, denn ihr Mann hat die Niederlassungsbewilligung C und damit Rechtsanspruch auf Ehegattennachzug. Mersad wohnte bei seinen Eltern, die auch für alle Kosten des Nachzugs aufkamen, und es war nur selbstverständlich, dass seine Frau ebenfalls in die Viereinhalbzimmerwohnung der Schwiegereltern einzog.

Dort lernte Lejla aber bald Mersads andere Seite kennen. Nach ein paar Wochen war es vorbei mit der ersten Romantik. Er blieb nächtelang von zu Hause weg. Ihr Mann, so realisierte Lejla bald, hatte hier eine Freundin, eine Schweizer Freundin, und zwar seit Langem. Das wussten auch seine Eltern, denn dies war der Grund, warum sie in Bosnien auf die Suche nach einer Schwiegertochter gegangen waren. Die Braut aus der Heimat sollte ein Disziplinierungsmittel sein, um ihren Sohn wieder auf den Pfad der Tugend zu bringen. Eine Schweizer Schwiegertochter hingegen war undenkbar für diese Eltern, obwohl sie seit 25 Jahren in der Schweiz leben. Sie wollten eine «unverdorbene» Frau für ihren Sohn, eine, die spurt, nicht aufbegehrt, kurz: eine «anständige» Muslimin, und deshalb war für sie nur eine «uvozena nevjesta», eine importierte Braut aus der Heimat infrage gekommen.

Mersad wiederum hatte nur deshalb in die Heirat eingewilligt, um endlich Ruhe vor seinen drängenden Eltern zu haben – und um sich dann wieder seiner Schweizer Freundin widmen zu können. Alles Einreden auf ihn nützte nichts, er gab seine Schweizer Freundin nicht auf. So begannen die Eltern bald, die Schwiegertochter zu beschuldigen, dass sie ihren Sohn nicht genug liebe. Doch Lejla war bereits schwanger, und es war Mersad, der sie zur Abtreibung aufforderte, was wiederum die Schwiegereltern nicht wollten.

Als der Sohn geboren war, sagte Mersad zu seiner Frau: «Dieses Kind zerstört mein Leben.» Lejla wusch, kochte, putzte weiterhin für die ganze Familie, ansonsten war sie in der Wohnung der Schwiegereltern vollkommen isoliert. Kontakte nach aussen waren ihr verboten. «Am liebsten hätten sie mich per Post nach Bosnien zurückgeschickt», sagt Lejla – aber ohne Sohn. Die Ehe wurde schliesslich geschieden. Heute ist die Mutter arbeitslos, spricht trotz RAV-Sprachkurs kaum ein Wort Deutsch und lebt mit ihrem vierjährigen Sohn mehrheitlich von der Sozialhilfe.
Inhaltsverzeichnis
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* 1 Das arrangieren sie schon
* 2 Kranke Toleranz
* 3 Planet der Patriarchen
* 4 Wieder Jungfrau
* 5 Winnetou reitet wieder
* 6 Zu viel Folklore

Das arrangieren sie schon

Lejla hat vergleichsweise Glück. Dank der Hilfe eines Anwalts ist sie nicht ins Herkunftsland abgeschoben worden wie viele andere Geschiedene. «Aufenthaltszweck erfüllt», heisst es dann jeweils im Amtsdeutsch, denn der Zweck war der «Verbleib beim Ehemann». Die zurückspedierten Frauen fallen erst recht zwischen alle Stühle. Ex-Mann und Schwiegereltern wollen nichts mehr mit ihnen zu tun haben, bei den Migrationsämtern hält man sie für Scheinbräute und im Herkunftsland für Huren.

Relatives Glück hat Lejla auch deshalb, weil andere sogenannte Importbräute oder -bräutigame von ihren Eltern zur Hochzeit gezwungen werden, was im schlimmsten Fall mit einem «Ehrenmord» endet wie 2005 im Tessin. Dort war der Cousin einer 20-jährigen Pakistanerin via Arrangement der Eltern ins Tessin geholt worden. Weil der Ehemann nicht ertragen konnte, dass seine hier aufgewachsene und gut integrierte Frau weiterhin ein selbstständiges Leben führen und auch arbeiten wollte, verlangte sie bald einmal die Scheidung. Daraufhin erschlug der Ehemann seine Frau im Schlaf, um der Schande einer Scheidung und Ausweisung zu entgehen; für ihn eine Frage der «Ehre». Sein Verteidiger hatte deshalb mildernde Umstände geltend gemacht, allerdings vergeblich.

«Ehrenmorde» wurden bislang zwei in der Schweiz bekannt. Doch arrangierte und Zwangshochzeiten gibt es Tausende. Eine neue Studie der Lausanner Stiftung Surgir spricht von vierhundert dokumentierten Zwangsheiraten in den letzten fünf Jahren und geht, weil sie eine hohe Dunkelziffer vermutet, von «mehreren Tausend» Fällen aus.

Alexander Ott, Fremdenpolizeichef der Stadt Bern, ermittelt jährlich in achtzig Fällen, Tendenz steigend. Marlène Schenk wiederum, Sprecherin der Organisation www.zwangsheirat.ch, mag diese Zahlen nicht kommentieren und will vorderhand auch keine neuen nennen. Schenk schreibt derzeit eine Lizenziatsarbeit über Zwangsehen in der Schweiz, und ihre Zurückhaltung bei den Zahlen hat auch mit der schwierigen Abtrennung der Begriffe zu tun. Was heisst genau «arrangiert»? Und wann beginnt der Zwang? Aus Schweizer Optik mag rasch als erzwungen wirken, was in Ostanatolien, auf dem Balkan, im Norden von Sri Lanka oder in Somalia nur als normal gilt, weil die Braut nichts anderes kennt. Schenk versucht die Klärung mit einer einfachen Frage: Hat die Frau oder der Mann das Recht, ohne negative Folgen Nein sagen zu dürfen? Falls nicht, ist es für Schenk nicht tolerabel.

Fest steht hingegen für Surgir wie für www.zwangsheirat.ch, dass vor allem in türkischen, kurdischen, (kosovo-)albanischen und tamilischen Familien Ehen arrangiert oder gar erzwungen werden, was eben sehr oft über Familiennachzug geschieht. Allein aus besagten vier Ländern beziehungsweise Regionen werden gemäss Statistik des Bundesamtes für Migration pro Jahr ungefähr fünftausend Bräute und Bräutigame in die Schweiz importiert, etwa 60 Prozent Frauen und 40 Prozent Männer. Rund die Hälfte kommt allein aus Kosovo. Der Berner Fremdenpolizeichef Ott schätzt, dass 50 bis 60 Prozent der in der Schweiz lebenden jungen Kosovo-Albaner und -Albanerinnen ihren Ehepartner aus ihrer Heimat holen. Oder vielmehr: holen lassen.
Kranke Toleranz

So dürften allein in den letzten zehn Jahren gegen 50 000 Ehefrauen und Ehemänner aus dem Balkan und der Türkei in die Schweiz geholt worden sein, meistens aus ländlichen Gegenden und mit minimaler Schulbildung. Und dieser Zuzug wird zunehmen. Weil die Arbeitsmigration aus jenen Ländern faktisch unmöglich geworden ist, bleibt als einziger legaler Einwanderungsweg der Familiennachzug. Natürlich wird man auch gut funktionierende Ehen finden. Doch ein beträchtlicher Teil, so schätzt der erfahrene Solothurner Gerichtsdolmetscher und auf den Balkan spezialisierte Kulturmediator Silver Kordic, sind Fälle wie Lejla. Und das heisst: Isolation, Gewalt, Scheidung, Arbeitslosigkeit, Sozialhilfe. Deshalb funktioniert die Integration nicht mit jeder Generation besser, sondern sie beginnt mit jeder Importbraut und jedem Importbräutigam wieder bei null.

Lange Jahre lag ein dicker Mantel des Schweigens über dem Thema der arrangierten und erzwungenen Heiraten. Eine, die diese Omertà vor zwei Jahren mit Wucht durchbrach, war die deutsch-türkische Soziologin Necla Kelek. In zwei Büchern prangerte Kelek die Tradition der «ImportGelin» an, wie die türkischen Importbräute heissen, die in Deutschland zwangsverheiratet werden (1). Das öffentliche Echo war furios – vor allem der erbitterte Widerstand. Für Deutschlands Türkenverbände war Kelek fortan eine Verräterin und für die Grünen eine Rassistin, die mit ihrer Kritik nur den Fremdenfeinden nütze. In die gleiche Mühle war bereits Seyran Ates geraten, eine deutsch-türkische Anwältin, die zwangsverheiratete Türkinnen in Scheidungsprozessen vertrat, bis sie – weil mehrfach mit dem Tod bedroht – ihre Berliner Kanzlei schloss.

Im vergangenen Dezember wurde Seyran Ates von der Organisation www.zwangsheirat.ch für ein Referat nach Basel eingeladen. Es wurde rasch deutlich, dass Ates, die vehemente Streiterin gegen Zwangsheiraten, längst nicht allen genehm war in der Integrationshochburg Basel, zum Beispiel der Ethnologin und Integrationsfachfrau Lilo Roost Vischer. «Wir stiessen auf grossen Widerstand unter den Linken», erinnert sich die Mitorganisatorin Gisela Hürlimann. «Man warf uns vor, mit diesem Thema und dieser Referentin würden wir Rassismus gegen migrantische Gruppen schüren.» Ihren Kritikern hielt Ates in der «Basler Zeitung» entgegen: «Die Multikulti-Anhänger wollen die Migranten machen lassen, wollen sich nicht einmischen, nicht hinsehen – und verwehren damit Minderheiten gleiche Chancen. So was nennen die Toleranz. Ich finde es krank!»

Exakt darüber ist nun auch in der Schweiz ein giftiger Streit im Gang. Es ist keiner zwischen Rechts und Links, sondern eher zwischen Rot und Grün. Nach Erfahrung der Historikerin Hürlimann «wird die Schweizer Integrationsindustrie von Ethnologinnen dominiert». Die Integration ist nicht nur ein zunehmend attraktives Arbeitsfeld für diesen Berufsstand, sondern der ethnologische Blick prägt auch die Perspektive. Und die ist nicht selten vom «Winnetou-Syndrom» geprägt, wie sich der Basler Migrationsdelegierte (und Nicht-Ethnologe) Thomas Kessler ausdrückt: «Man will den edlen Wilden möglichst so in seinem Reservat belassen, wie er ist.» In Basel selber komme dieses Syndrom nicht mehr vor, behauptet Kessler, was die Leute von www.zwangsheirat allerdings bezweifeln. Gisela Hürlimann oder den Luzerner SP-Politiker Lathan Suntharalingam stört nicht nur der verklärende Blick, sondern ebenso die mitunter gönnerhafte, maternalistische Art, in der Migranten wie Suntharalingam erklärt wird, was Sache ist beim Zwangsheiraten. Als Tamile weiss er selber nur zu gut darum, und gerade deshalb ist er frei von der Romantisierung des Exotischen, die so typisch ist für das Winnetou-Syndrom.

Die Initianten von www.zwangsheirat.ch sind alle zwischen 24 und 38 und bilden eine neue Generation von integrationspolitisch engagierten Leuten, die nicht mehr nach den alten ideologischen Reflexen funktionieren. Gewiss, ihr Herz schlägt links, und sie nehmen auch die Mehrheitsgesellschaft in die Pflicht, damit diese nicht bloss bequem bei Türken, Albanern und Tamilen einfordert, was auch den Schweizern immer weniger gelingt: eine funktionierende Ehe. Trotzdem mag man sich bei www.zwangsheirat.ch keinen Denkverboten und politischen Korrektheiten unterziehen, wie sie bei der Ethnologin und ehemaligen grünen Politikerin Annemarie Sancar durchschimmern, wenn sie in der Zeitschrift «Widerspruch» mahnt: «Unter heutigen Bedingungen zunehmender Fremdenfeindlichkeit ist es besonders fahrlässig, wenn Ereignisse wie häusliche Gewalt oder Zwangsehen mit ‹Herkunft› und ‹Kultur› verknüpft werden.» Als hätten Zwangs- und arrangierte Heiraten nichts mit «Herkunft» und «Kultur» zu tun.
Planet der Patriarchen

Einer, den der politisch korrekte Diskurs ebenfalls wenig kümmert, dafür umso mehr die Praxis, ist besagter Gerichtsdolmetscher und Kulturvermittler Silver Kordic aus Solothurn. Selber gebürtiger Albaner aus Montenegro, vielsprachig und mittlerweile Schweizer Bürger, ist der studierte Linguist 1980 in die Schweiz gekommen und hat schon «Hunderte von Fällen» erlebt, die stets nach dem gleichen Muster funktionieren: Ehepartnernachzug, Krach mit den Schwiegereltern, weil eine liberale mit einer archaischen Welt in Konflikt gerät, was schliesslich zur Trennung oder zur Scheidung führt. Kordic spricht von «zwei Planeten», dem «Planeten Balkan» und dem «Planeten Schweiz», und die prallen nie heftiger aufeinander als beim Familiennachzug. Die Opfer trifft Kordic dann jeweils vor Gericht und auf dem Sozialamt. In erster Linie sind Frauen die Leidtragenden der «Balkan-Machos», wie Kordic die jungen Ehemänner und ihre (Schwieger)Väter konsequent nennt.

Die «Balkan-Machos» sind von einer jahrhundertealten patriarchalen Kultur geprägt, deren Kern Silver Kordic nicht etwa im Koran sieht, sondern im sogenannten Kanun des Lekë Dukagjini, einer aus Nordalbanien stammenden Sammlung von mittelalterlichem Gewohnheitsrecht. Dessen Regeln reichen von der Gestaltung einer Hochzeit über Ehrenrituale bis zu den Gesetzen der Blutrache. Nicht, dass man diese Paragrafen heute noch auswendig lernen müsste. Vielmehr sind sie tief in der albanischen Kultur verwurzelt.

Zentral ist für Kordic die Machtstellung des Vaters beziehungsweise Schwiegervaters. Der Patriarch sagt, was für den Rest der Familie gilt, und erst recht gilt es für die Töchter. Ihr Gängelband ist viel kürzer als das der Söhne. Die dürfen sich früh und vor allem freier ins ausserhäusliche Vergnügen stürzen, notfalls wird selbst eine Schweizer Freundin geduldet, solange er sie nicht heiraten will. Undenkbar für die Töchter. Ein Freund? Verboten. Abendausgang? Höchstens unter Aufsicht eines Bruders oder Cousins.

So denken die Eltern, vor allem jene, die aus ländlichen Gegenden in die Schweiz gezogen sind, also die meisten. Doch wie reden ihre Söhne, die hier geboren und aufgewachsen sind? Ortstermin in einer Ostschweizer Berufsschulklasse. Die Lehrerin, sehr engagiert in Integrationsfragen, stellt dem Besucher «meine Machos» vor, wie sie lachend sagt. Es sind acht Männer aus dem Balkan und der Türkei, alle zwischen 17- und 18-jährig. Im Grunde mag sie ihre Machos – sofern die nicht gerade über Frauen reden. Die Runde ist sich ziemlich einig: Regel Nummer 1: Der Vater ist das absolute Vorbild. Regel Nummer 2: Die eigenen Töchter werden später gleich erzogen. Regel Nummer 3: Geheiratet wird nur eine Frau aus dem gleichen Land und mit dem gleichen Glauben. Regel Nummer 4: «Keine Occasion», wie sich ein junger Mazedonier ausdrückt. Der Jungfrauenkult ist auch bei den 18-Jährigen intakt, obwohl sich der Serbe in der Klasse kulanter gibt: «Bei uns ist das nicht so wichtig. Heutzutage bekommt man sowieso fast nur noch Occasionen.» Der Mazedonier hat hier zwar eine brasilianische Freundin, «aber die ist zum Üben und sicher nicht zum Heiraten. Ich will doch keine mit Totalschaden.» Dass er selber mit 13 in Mazedonien erstmals ins Puff ging und seither immer wieder, wie er versichert, das ist «kein Problem» für ihn. «Ich bin ein Mann, das ist normal.»

Normal ist aber auch, dass junge und hier aufgewachsene Kosovo-Albanerinnen oder Türkinnen bei aller Kontrolle durch Eltern und Cousins eher MTV als den Kanun des Lekë Dukagjini im Kopf haben. So findet täglich und tausendfach ein landesweites Versteckspiel zwischen Töchtern und Eltern respektive Cousins statt. Die eine zieht sich im Hinterhof um, weil sie nicht bauchfrei in die Schule oder an die Arbeit gehen dürfte, die andere fälscht die Einladung für eine Schulreise, um drei Tage lang mit ihren Kolleginnen ungehinderten Ausgang zu haben, die dritte – und von diesen dritten gibt es besonders viele – hat insgeheim einen Freund. Das dauernde Verheimlichen ist schon mühsam genug, doch in Panik geraten die Töchter bisweilen, wenn der Vater zum ersten Mal vom Heiraten spricht. So erinnert sich der Chefarzt eines Ostschweizer Spitals an eine 20-jährige Türkin, die verzweifelt in seine Praxis gekommen war, um ihr Jungfernhäutchen wieder zusammennähen zu lassen. Denn sie sollte bald von ihrem Vater mit einem Mann in der Türkei verheiratet werden. Für den Arzt war es ein kleiner chirurgischer Eingriff, doch für die Patientin eine riesige Erleichterung, weil sie nun als Braut «wieder hergestellt» war. Ihr Vater hatte keine Ahnung, dass seine Tochter einen Schweizer Freund hatte, geschweige denn wusste er von der Operation. Die Krankenkasse bezahlte die 1000 Franken für den Eingriff unter einem unverdächtigen Titel, damit die Eltern nicht misstrauisch wurden wegen der Arztrechnung.

Wieder Jungfrau
Auch für die beiden Gynäkologinnen Monika Bamert und Ikbale Siercks vom Kantonsspital St. Gallen ist das Thema nicht neu, obschon es zu den meisttabuisierten gehört und die Ärztinnen nicht wissen, wie viele Frauen aus der Schweiz in türkischen, kosovarischen oder ungarischen Kliniken landen.

In St. Gallen erhalten sie jedenfalls zunehmend Anfragen für Hymenrekonstruktionen, wie der Eingriff im Fachjargon heisst. Derzeit sind es rund zehn pro Jahr. Tatsächlich operiert werden jährlich zwei bis drei Frauen und auch sie erst nach eingehender Abklärung und eher widerstrebend, wie die Leitende Ärztin Monika Bamert sagt. Sie weiss sehr wohl, dass sie sich damit einer patriarchalen Logik fügt, die ihr persönlich widerstrebt. Doch entscheidend ist die Gefährdung der Patientin. Dabei geht es selten um Leben und Tod, aber immer um Familienehre und Familienschande. Wie tonnenschwer auch dies auf einer 18-jährigen Tochter liegen kann, das braucht Bamerts Kollegin Ikbale Siercks niemand zu erklären. Sie ist als Türkin in Deutschland aufgewachsen und hat Mütter erlebt, der Nachbarn die Hölle prophezeiten, nur weil ihre Tochter einen Deutschen und nicht einen Türken geheiratet hatte. Auch die 18-jährige Albanerin, die wir hier Teuta* nennen wollen, kennt sich aus in dieser Welt, in der sich fast alles um die Familienehre dreht. Teuta ist vor 13 Jahren aus Kosovo zu ihren Eltern in die Nähe von St. Gallen gezogen, und für die Eltern steht jetzt schon fest, dass auch der künftige Schwiegersohn (ebenso wie die Schwiegertochter) ein Albaner sein und möglichst aus Kosovo kommen muss – eine schreckliche Vorstellung für die Tochter. Doch Teuta mag nicht selber durchmachen, was eine Kollegin mit einem mazedonischen Importbräutigam erlebt hat. «Die ersten zwei, drei Monate ging es gut», erzählt Teuta, «dann ging er jeden Abend fort. Seine Frau ging tagsüber arbeiten, nach Feierabend musste sie den Haushalt machen. Er sprach selber kein Wort Deutsch und war drei Jahre lang arbeitslos. Als sie sich weigerte, ihm das Nachtessen zu kochen, wenn er abends um zehn oder elf nach Hause kam, begann er sie zu schlagen. Sie wollte sich von ihm trennen, doch dann kam sie unter Druck ihrer Eltern, die unbedingt einen Skandal vermeiden wollten. Schliesslich kam es doch zur Scheidung, der Ehemann musste wieder ausreisen.» Ob auch in diesem Fall ein paar 10 000 Franken Schmerzensgeld an die Eltern des abgeschobenen Schwiegersohnes bezahlt werden mussten, wie es öfters vorkommt, weiss Teuta nicht. Sie weiss nur, dass sie nie «en söttige vo döt une» will.

Es sind Töchter wie Teuta, vor denen sich potenzielle Ehemänner und Schwiegereltern fürchten. Je besser die Bildung, umso schlechter die Kontrolle. Sie wollen keine Frauen, die die alten Rollenbilder infrage stellen und vom liberalen westlichen Geist «angekränkelt» sind, wie der Politologe Stefan Luft in seinem Buch über «Wege aus der Integrationskrise» schreibt (2). Schwiegertöchter und -söhne, die aus den ländlichen Gebieten des Balkans in die Schweiz kommen, sind für die Eltern vertrauter und besser kontrollierbar als hier aufgewachsene. Und nicht zuletzt geht es um Geld. Jeder Familienangehörige, der in die Schweiz geschickt wird, bedeutet eine neue Einnahmequelle für die daheimgebliebene Verwandtschaft, und deshalb fühlen sich die Migranten oft in der moralischen Pflicht, einem Bekannten «von unten» die Chance auf Nachzug zu geben.

Doch was tun? Die Heirat im Heimatland verbieten? Mit guten Gründen hat bislang niemand nach dem Staat als Heiratszensor gerufen. Ansonsten müsste man konsequenterweise auch allen Schweizerinnen und Schweizern untersagen, ihre Braut aus Thailand oder den Bräutigam aus Marokko oder Jamaica zu importieren. Gerichtsdolmetscher Silver Kordic würde beim Nachzug in die Wohnung der Schwiegereltern ansetzen. Denn er hält diese Wohnungen für den Kern der balkanischen Parallelwelt in der Schweiz. Nirgends sind die Importbräute isolierter und kontrollierter als in den Viereinhalbzimmerwohnungen ihrer Schwiegereltern, sagt Kordic aus langen Jahren der Erfahrung. Das sieht zwar Alexander Ott ebenso, doch der Chef der Stadtberner Fremdenpolizei weiss zugleich, wie schwach auch hier die gesetzliche Handhabe ist.

In St. Gallen hingegen hat man mithilfe des Gesetzes rigoros durchgegriffen, zumindest in einem Fall. Eine damals 20-jährige Türkin hatte im Jahr 2005 einen Mann in der Türkei geheiratet – auf Druck ihres 45-jährigen Vaters, der bereits seit 26 Jahren im Kanton St. Gallen lebte und gerade ein Einbürgerungsgesuch für seine Familie gestellt hatte. Im April 2006 traf der Importbräutigam in St. Gallen ein, doch nun zeigte die Zwangsverheiratete ihren Ehemann sowie ihren Vater wegen Nötigung an; denn die beiden hatten ihr mit einem Ehrenmord gedroht, weil sie die Ehe nicht «vollziehen» wollte. Um dies zu verhindern, wurden der Vater und der Ehemann im Mai 2006 kurzerhand ausgeschafft.

Ein starkes Signal, das für all jene in die richtige Richtung weist, die seit Langem griffige Rechtsmittel fordern, um endlich juristisch gegen Zwangsheiraten vorgehen zu können. Doch es ist zweifelhaft, ob dieses Signal hält. Denn der Vater und der Ehemann haben gegen ihre Ausschaffung geklagt, und Juristen halten es für durchaus denkbar, dass das Verwaltungsgericht den beiden Männern recht geben und sie in die Schweiz zurückholen lassen könnte. Gäben die St. Galler Richter nach, so wäre es gewiss keine Ermutigung für andere Frauen, sich gegen Zwangsverheiratungen zu wehren.

Die junge Türkin ist vor einem Jahr untergetaucht und lebt seither vollkommen anonym und von ihrer Verwandtschaft abgeschnitten weiter; ein hoher Preis für ihre Anzeige – und ob sie den noch einmal zahlen würde, das könnte nur sie selber sagen. Doch wo keine Klägerin ist, da ist kein Richter, und das wissen auch die Juristen im Eidgenössischen Justizdepartement, die bis Ende dieses Jahres einen Bericht über Massnahmen gegen arrangierte Ehen und Zwangsheirat vorlegen müssen, den die FDP-Politikerinnen Erika Forster und Trix Heberlein per Motion verlangt haben. Noch selten hat man Justizminister Blocher so ratlos reden hören wie im Januar 2007 bei seiner Antwort auf diese Motion. Innerhalb von fünf Minuten sagte er fünfmal, wie schwierig das alles rechtlich zu regeln sei. Und einfacher wird die Antwort gewiss nicht mit Urteilen wie jenem der Asylrekurskommission aus dem Jahr 2006, als es die Scharia über das Bundesrecht stellte und einem ägyptischen Asylbewerber den Nachzug einer Ehefrau erlaubte, bei deren Heirat offenbar weder er noch sie selber anwesend waren. Um arrangierte Heiraten zu erschweren, haben Länder wie Dänemark die Altersgrenze beim Ehepartnernachzug auf 24 Jahre erhöht. Zu hoch, wie man bei www.zwangsheirat.ch findet, doch unter 18 sollte sie ebenso wenig liegen. In die Schweiz können nach heutigem Gesetz auch 16-jährige Bräute und Bräutigame einreisen.
Winnetou reitet wieder

Wenigstens in einem Punkt scheint man sich über alle Grenzen hinweg einig, wie der Malaise zu begegnen ist: Es braucht Sprachkurse. Ohne Sprache bleibt Integration ein ewiges Fremdwort. Wer gut Deutsch spricht, hat nicht nur bessere Chancen auf Arbeit und Ausbildung; Sprachkurse sind auch der Schlüssel zum Ausbruch aus der familiären Isolation, in der vor allem die importierten Bräute stecken. Doch wird die Sache konkret, ist es auch hier sofort vorbei mit der Einigkeit. Der Streit geht um die Frage, ob solche Sprachkurse obligatorisch oder freiwillig sind. Und vor allem, ob und welche Folgen es haben soll, wenn jemand nicht zum Sprachkurs erscheint oder ihn nicht besteht.

«Integration beginnt am ersten Tag», sagt Thomas Kessler in Basel und denkt dabei gerade an jene zugezogenen Ehepartner, die bislang in den Wohnungen der Schwiegereltern verschwunden sind und auch nach Jahren noch keine Silbe Deutsch verstanden. Diese Ehefrauen – wie auch Ehemänner und nachgezogene Kinder – will Kessler mittels individueller Integrationsvereinbarungen in Sprachkurse holen. In Basel kann seine Aufenthaltsbewilligung verlieren, wer sich Sprach- und Integrationskursen konsequent verweigert. Doch die SVP lehnt selbst dies als zu lasch und zu teuer ab, obwohl sie keine praktikable Alternative zu bieten hat. Für die Grünen wiederum riechen solch verbindliche Vereinbarungen zu sehr «nach SVP» respektive nach einem «neoliberalen Trend», der «die Chancenungleichheit eher verstärkt», wie Annemarie Sancar in der Zeitschrift «Widerspruch» kritisiert.

Thomas Kessler sieht hier einmal mehr das Winnetou-Syndrom am Werk und vor allem eine «groteske Argumentation, mit der ein paar linke Frauen de facto die Macht des Patriarchen gegenüber der Chancengleichheit der Frau schützen.» Hinter dieser «antietatistischen Haltung» vermutet Kessler das altlinke Feindbild eines rassistischen Beamten, der arme anatolische Hausfrauen und albanische Bauarbeiter mit deutschen Grammatikkursen schikaniert. Immerhin, in Basel liessen sich die Grünen von einem Nein zum Integrationsgesetz abhalten, indem man die obligatorischen Sprachkurse nicht mehr «erfolgreich», sondern nur noch «mit ernsthaftem Engagement» besucht haben muss. In Luzern hingegen verhinderten die Sparwut der SVP und die Winnetou-Romantik der Grünen einen (von CVP und SP unterstützten) Vorstoss des SP-Parlamentariers Lathan Suntharalingam, der die Einführung von obligatorischen Sprachkursen verlangt hatte. Besser erging es dem Zuger Kantonsrat Rupan Sivaganesan. Seine Motion für verbindliche Deutschkenntnisse zur Erlangung der Niederlassungsbewilligung wurde einhellig an die Zuger Regierung überwiesen.
Zu viel Folklore

Suntharalingam und Sivaganesan gehören ebenso wie Gisela Hürlimann oder die Kosovarin Ylfete Fanaj aus Luzern jener neuen Generation an, die die Integrationspolitik nüchterner und illusionsloser betrachtet als manche der tonangebenden Leute in der Schweizer Integrationsindustrie. Sie sind, sagt Hürlimann, auch nicht mehr bereit, «jeden Folklorekurs und jedes Tanzkürsli als Integrationsmassnahme zu schlucken». Sie fordern obligatorische Sprachkurse anstatt Folklore. Und sie setzen auf Artikel 34, Absatz 3 des neuen Ausländergesetzes, der besagt, dass bereits nach fünf und nicht erst nach zehn Jahren eine Niederlassungsbewilligung erhalten kann, wer gut Deutsch spricht.

Gerade für die Ehefrauen, sagt Ylfete Fanaj in Luzern, ist das Obligatorium von Sprachkursen wichtig: Nur wenn sie die Kurse besuchen müssen, sind sie gegenüber den Ehemännern und Schwiegervätern legitimiert. Nach Fanajs Erfahrung in Luzern (und ebenso jener von Kessler in Basel und Deutschland) fühlen sich diese Frauen auch mitnichten unter Zwang, sondern sie sehen diese Kurse vielmehr als Befreiung, als Chance zum Kontakt mit anderen Frauen – und anderen Vorstellungen. Genau deshalb sind ihre Männer so skeptisch. Sie fürchten einen Kontrollverlust auf ihrem kleinen Viereinhalbzimmer-«Planeten».Doch das Letzte, was hier hilft, ist falsch verstandene Toleranz.
Von „http://www.dasmagazin.ch/index.php/B...g_euch_bindet

28 Kommentare
Hilfe gefunden
H.N.|
Als eine von Zwangsheirat bedrohte Frau habe ich den Artikel im Magazin gelesen und ich möchte Sie wissen lassen, was ich darüber denke. Endlich bringen mutige Menschen dieses Thema zur Sprache und zeigen die Probleme von Zwangsheirat betroffenen Frauen auf. Ich hatte selbst mit Leuten von >zwangsheirat.ch< Kontakt. Für ihre wissenschaftliche Arbeit habe ich ein Interview geben. Sie haben meine Probleme verstanden. Als sich diese verschlimmert haben und ich keinen Ausweg mehr sah, waren sie eine wichtige Unterstützung für mich und sind es immer noch. Selbst als ich wegen Drohungen nicht mehr wusste, wo schlafen, haben sie nach erfolglosen Abklärungen in Frauenhäusern und Jugendeinrichtungen sogar Privat eine Möglichkeit angeboten. So kann ich bestätigen was Martin Beglinger schreibt. Es sind Leute, die Integrationsprobleme verstehen und ernst nehmen. Ich finde es gut, wie sie mit betroffenen Frauen in der ganzen Schweiz Kontakt haben und nach Lösungen suchen. Sie sehen, wo es an Unterstützung fehlt und was gefordert werden muss, um solchen Frauen besser helfen zu können. Genug lange blieben Migrantinnen ungehört, wenn es um Gleichberechtigung und Unabhängigkeit ging. Es ist an der Zeit, dass auch sie ihr Selbstbestimmungsrecht wahrnehmen und einfordern können. So möchte ich die betroffenen und bedrohten Frauen ermutigen sich gegen diese Menschenrechtsverletzung zu wehren und Unterstützung zu suchen. Jede Person soll selbst entscheiden dürfen, mit wem sie zusammen leben will. Es darf nicht sein, dass sie sich für ihre Familien „opfern". Ansonsten besteht die grosse Gefahr, dass sie in der Ehe unglücklich werden, was bis zu Selbstmord führen kann. Eine Kollegin von mir konnte sich nicht wehren und lebt nun unglücklich in einer Zwangsehe. Ich wünsche den Leuten von >zwangsheirat.ch< und der Kampagne weiterhin viel Erfolg. Denn es ist wichtig, dass Migrantinnen mit Schweizerinnen zusammen, gegen dieses Problem ankämpfen. (Name der Red. bekannt)

Hebammen sehen allerhand
Gabriela Wick
Ich möchte mich bei Ihnen für den sehr interessanten und nicht romantisierten Bericht über Importbräute bedanken. Ich arbeite als Hebamme im USZ Zürich und sehe da selbst allerhand. Dabei frage ich mich schon des öfteren wie es wohl kommt, dass sich gewisse Vertreter ganz verschiedender Nationen keinen Deut um Integration bemühen die mit Sprache beginnen würde. Was in diesem Artikel geschildert wird, erleben wir hier täglich live, deshalb auch hat er mich so angesprochen.


Was mich wütend macht
Elisabeth Wallimann
Was mich an dem Thema wütend macht, ist dass die in Ihrem Artikel beschriebenen Männer aus dem Balkan und der Türkei auch mich so behandeln. Hier, in meinem Land. Was im Kosovo mit den Frauen passiert, müssen diese Frauen selber verantworten. Aber was hier passiert, dafür trägt unsere Gesellschaft genauso die Veratwortung, ob es jetzt Schweizer oder Zugezogene betrifft. Hier werden auch wir jungen Schweizer Frauen Opfer von Belästigungen und die älteren Frauen erst recht. Genau deshalb bin ich aus der SP ausgetreten. Weil sie meine Ängste nicht ernst nimmt. Diese Ängste sind durchaus real. Auch die der jungen Männer, die Samstagnacht ungewollt in Schlägereien verwickelt werden von vor Clubs wartenden Jugoslaven die nicht reingelassen wurden. Weil sie, kaum drin, alle Frauen anmachen und belästigen, sich vollaufen lassen und am Ende mit anderen Männern prügeln. Nicht alle sind so, aber viele. Die Polizei, vor allem in Luzern, schaut weg. Kein Wunder wenn junge Leute dann rechts wählen!

Ich bin absolut für...
Beat Hess
...Integration, welche auch zu fordern wagt und gegen "Sozialromantik". Nur kann eben Integration ohne Bemühungen beider Seiten nicht funktionieren. Wenn Menschen aus dem Balkan oder Sri Lanka aller Anstrengungen (und die meisten strengen sich an - nehmen wir uns nur einmal unsere eigenen Fremdsprachenkenntnisse kritisch vor) zum Trotz keine oder nur die schlechtbezahltesten Stellen finden und in unserer leistungs- und erfolgsorientierten Gesellschaft aussen vor bleiben, laufen sie wohl Gefahr, irgendwann die Motivation zur Integration verlieren. Sie gelten ja schliesslich doch nur als Menschen zweiter Klasse! Die SVP macht - von mitläuferischen Parteien unterstützt - aus billigen Motiven brandschätzerisch Stimmung gegen diese Menschen und wundert sich entrüstet, wenn es "chlöpft"...

Liebe Frau Wallimann
Ylfete Fanaj
Vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich selber, Schweizerin mit kosovarischen Wurzeln, politisiere überzeugt für die SP und bin Mitgründerin von der SP Secondos plus, ebenfalls in Luzern. Wie im Artikel beschrieben, hält die SP nichts von kritikloser Multi-Kulti. Ihre beschriebenen Erfahrungen in Discos sind uns bekannt. Deshalb rechts zu wählen führt zu einem Teufelskreis: ausländerfeindliche Parteien schüren nur Ängste und bieten keine nachhaltigen Lösungen für gesellschaftliche Probleme. Indem immer wieder Leute aus dem Balkan diskriminiert, beschimpft und pauschalisierend als kriminell abgestempelt werden, führt das bei ihnen zu Resignation und Rückzug. Wie Sie richtig beschreiben, wird ihnen der Eingang in die Disco verwehrt. Stellen Sie sich vor, wie das für Sie wäre, wenn sie am Samstag abend mit Freunden ausgehen wollen, sie kommen aber nirgends hinein aufgrund ihrer Herkunft! Die Freude vergeht schnell, vor allem wenn sie das jedes Wochenende erfahren! Fehlende Anerkennung, Diskriminierungen und Chancenungleichheit führen dazu, dass diese Leute ihre Wut durch Aggressivität widergeben. Vielmehr sind noch verstärkte Integrationsbemühungen nötig, um dem etwas entgegen zu setzen. Vergessen wir nicht, dass auch viele der erwähnten Personen ursprünglich als Kriegsflüchtlinge in unser Land gekommen sind. Eines möchte ich deutlich betonen: ich dulde jegliches straffällige Verhalten und Belästigungen nicht und möchte diese Männer nicht in Schutz nehmen; ein differenzierter Blick dahiner schadet jedoch nicht. Ich kann zwar Ihre Wut nachvollziehen, dass Sie deswegen aus der SP ausgetreten sind, verstehe ich nicht. Die SP hat ein sehr fortschrittliches und aktuelles Positionspapier zur Integration (online zu finden unterhttp://sp-ps.ch/index.php?id=34) und nimmt alle in die Pflicht: sowohl Einheimische als auch Zugezogene tragen ihren Beitrag zu einem respektvollen und erfolgreichen Zusammenleben bei.

Keine Winnetou-Romantiker
Philipp Federer
Der gute Artikel hat am Schluss leider eine unnötige Polemik gegen die Luzerner Grünen der Stadt, die als Winnetou-Romantiker abgekanzelt werden. Das schnellschiessende Bleichgesicht, der Journalist Beglinger, beklagt die fehlende Unterstützung der Grünen ohne Zug und Luzern genauer zu vergleichen. Deutschkurse an eine Aufenthaltsbedingung zu knüpfen ist kantonales Recht und Gesetz. Lathan Suntharalingam hat seinen Vorstoss, den nicht einmal alle SP-Mitglieder unterstützten, in der Stadt eingereicht. Rupan Sivaganesan hat dagegen seine Motion im Kantonsrat eingereicht, am richtigen Ort. Unabhängig davon ist die Verbindung von Rechtsgütern mit Deutschkursen nicht unproblematisch. Sollten etwa sprachbehinderte Einbürgerungswillige nicht eingebürgert werden können?


Der tägliche Lauf der Dinge
Philipp Meier
Man kann Martin Beglinger nur beipflichten: Was er schildert ist seit vielen Jahren der tägliche Lauf der Dinge. Totgeschwiegen (eben - "man" will ja tolerant sein und keine schlafenden Hunde wecken), weil sehr unbequem. Von Fachleuten hinter vorgehaltener Hand schon lange festgestellt. Von der Politik weiträumig umgangen. Ich arbeite seit vielen Jahren als Primarlehrer in Schlieren. Ich kenne Kinder, für die es wegen der Familienstrukturen undenkbar ist, eine andere als ihre Herkunftsnationalität auch nur schon für eine Beziehung in Betracht zu ziehen. Sie würden von ihrer Familie knallhart verstossen. Ich kenne Kinder, die schon im Alter von 12 Jahren "versprochen" sind. Ich kenne Kinder, die trotz schulischem Erfolg (Gymnasium-Einstig geschafft), später an den Forderungen und Restriktionen der Familie gescheitert sind. Ich kenne Mütter, die seit x Jahren unfreiwillig hier wohnen, keinerlei Assimilation durchmachen dürfen. Sie werden ihre Kinder, wie Beglinger schreibt, wieder in den gleichen Irrsinn treiben. Integration beginnt mit jeder Generation wieder bei Null. Eine einfache Lösung kann ich nicht präsentieren. Gut wenigstens, dass das Tabu gebrochen ist und die Tatsachen auf dem Tisch liegen. Danke.

Die Folgen falscher Toleranz
Martin Beglinger
Sehr geehrter Herr Federer, Beginnen wir mit Ihrer Schlussfrage: «Sollten etwa sprachbehinderte Einbürgerungswillige nicht eingebürgert werden können?» Wenn Sie mit «sprachbehindert» zum Beispiel einen schweren Legastheniker meinen – der folglich mit jeder Sprache seine Mühe hat – dann ist er eine Ausnahme und soll als solche behandelt werden. Auch in einem Einbürgerungsverfahren. Nur sollte man nicht mit den Ausnahmen politisieren. Entscheidend ist der Normalfall, und wenn wir schon bei den Einbürgerungen sind (auch wenn dies nicht das Thema meines Artikels war), dann meine ich doch in aller Deutlichkeit: Nein, wer nicht akzeptabel Deutsch oder eine andere Landessprache spricht, der wird nicht eingebürgert. Und auch nicht gemeinsam, wenn ein Familienteil gut und der andere aber so gut wie gar nicht Deutsch spricht. Ich halte es hier mit Ihrem grünen Parteikollegen und Integrationsbeauftragten Thomas Kessler in Basel, der bei jeder Gelegenheit wiederholt: «Ich bin ein Freund von klaren Standards – wie auch von der Durchsetzung dieser Standards». Freiwillige Sprachkurse, sehr geehrter Herr Federer, nützen so gut wie nichts, gerade bei importierten Ehefrauen. Denn sind die Kurse freiwillig, ist es in aller Regel der Mann, der für die Frau entscheidet. Und er sagt oft genug nein, obwohl sie noch so gerne teilnähme, wie Ihnen die Luzerner Integrationsfachfrau Ylfete Fanaj (SP) gerne bestätigen wird. Ihr Parteikollege Hans Stutz mag noch lange in der «Neuen Luzerner Zeitung» gifteln gegen verpflichtende Sprachkurse mit dem angeblich «gruseligen Charme bevormundender Fürsorge». Falsche Toleranz fördert nicht die Integration, sondern die Isolation.

Spielwiese der Völkerkundlerinnen
Helena Vogler
Zur falschen Zeit auf den falschen Planeten gefallen. Diese Tragödie läuft wohl, wie viele wundersame Dinge, unter dem Etikett «Flüchtlingswesen». Werkstatt und Selbstverwirklichung kirchlicher, links-roter, links-grüner Multikultischwärmer und, wie ich in diesem super Artikel erfahren habe, Spielwiese von reiseunlustigen Ethnologinnen mit Winnetou-Syndrom. – Ich könnte aus der Haut fahren, wenn ich sehe, wie gerade viele Frauen alles verschlimmbessern und rasch mit Rassismusvorwürfen zur Hand sind, derweil ihnen die Machos auf der Nase umhertanzen. Klar, die Ladies wollen ihre Jobs behalten. Kleiner Lichtblick immerhin: Sprachkurse als Frauenbefreiungsbewegung. – Im Jungfrauenkult gehe es selten um Leben und Tod, meint die Ärztin leichthin. Darum geht es aber sehr wohl. Nur werden Ehrenmorde in der Regel als Unfälle schöngeredet.

Sprachkurs obligatorisch
Andrea Würsten
Frisch Zugewanderte sollen einen obligatorischen Sprachkurs besuchen müssen. Endlich positionieren sich Secondos in der Integrationsfrage und stellen ihre eigenen Konzepte zur Diskussion. Natürlich passt das einigen langjährigen Experten nicht ins Programm. Sie haben Angst, dass kritische Stimmen vor allem die Polemik im rechten Lager unterstützen. Doch genau das Gegenteil ist der Fall: Nur eine kontrovers debattierende Linke, die selbst aktiv ungünstige Entwicklungen und Missbräuche thematisiert, kann zur Meinungsführerin werden. Eine Rolle, die sie wegen verteilten Maulkörben verloren hat.

Gilt auch für Sekten
Mario Gutknecht
Grundsätzlich kann ich mich dem Artikel "Bis dass der Zwang euch bindet" zustimmen. Das von Ihnen beschriebene Phänomen besteht nicht nur bei Personen mit Migrationshintergrund oder im Islam. Nur wird dies kaum wahrgenommen. Auch die Aussagen in Bezug auf Parallelgesellschaft möchte ich hinterfragen. Sind die Schweizer etwa alle gleich? Gibt es nicht hunderte, vielleicht gar tausende Parallelgesellschaften? Aus persönlicher Beobachtung weiss ich, dass es auch Tausenden Schweizern keinesfalls frei steht, wenn sie heiraten. Es gibt Sekten und religiöse Gruppen, die nur Heiraten innerhalb der Gruppe erlauben. Lernt jemand aus der Gruppe jemanden ausserhalb kennen, wird massiver psychischer Druck ausgeübt, damit er oder sie die Beziehung aufgibt. Das "Heiraten im Herrn" wie es so schön in diesen Kreisen genannt wird, ist eines der höchsten Prinzipien, um zu verhindern, dass jemand sich aus der Gruppe löst. Falls das Paar trotz des massiven psychischen Drucks heiraten will, muss der "weltliche" Partner zuerst zur Gruppe beitreten. Dies wird allerdings nur geduldet und nicht besonders gern gesehen. Zudem hat es auch in Zukunft Konsequenzen für das Ehepaar (Ansehen innerhalb der Gruppe und viele andere Sanktionen). Die Sache ist einfach. Alle ausserhalb der Gruppe gehören zur "bösen Welt" und sind dem Untergang geweiht. Da der Kontakt zur Aussenwelt streng zensiert wird, wird natürlich auch jede Chance genommen, dass sich die Mitglieder mit kritischem Gedankengut auseinander setzten. Beim hier beschriebenen Phänomen geht es um eine Gruppe, die nach rechtlicher Anerkennung durch den Staat strebt und ich gehe davon aus, dass es in vielen Freikirchen durchaus ähnlich ablaufen könnte.

Schlüersche Märchen nicht kolportieren
Hans Hegetschweiler
Ich bin auch gegen Zwangsehen, wenn auch, wie Sie unter Zitierung von Herrn Blocher selber schreiben, die Lage komplex ist. So will zum Beispiel kaum eine Kosovo-Albanerin in der Schweiz einen Nicht-Albaner heiraten, was dazu führt, dass sich die Verhältnisse nur sehr langsam ändern werden. Auf der anderen Seite kenne ich sehr viele albanische Väter, die ihren Töchtern weder das Ausgehen noch die freie Partnerwahl verbieten. Was mich aber ärgert, ist dass Sie das Schlüersche Märchen, die Asylrekurskommission habe die Scharia über das Schweizer Recht gestellt und praktisch eine Zwangsehe sanktioniert, weiter verbreiten. Auf dieses Märchen ist im Zischtigs-Club schon der Sprecher der Bishofskonferenz hereingefallen. Zum ersten gilt in Ägypten nicht tel quel die Scharia, Ägypten kennt grundsätzlich ein westliches Zivilrecht. Wie stark dieses islamische Elemente hat, ist hier nicht weiter auszuführen. Zum Zweiten aber wurde die Stellvertreterehe (oder Handschuhehe) im Schweizer Recht schon immer anerkannt und dies lange vor Beginn der islamischen Einwanderung. Auch in Kuba und anderen lateinamerikanischen Ländern ist diese Form des Eheschlusses (und nicht der Ehe) bekannt. In Deutschland gab es sie während des zweiten Weltkrieges für Soldaten und man könnte noch andere Beispiele finden. Typisch für die Scharia ist die Handschuhehe nicht, ich würde behaupten, dass bei der typischen Ehe in einem islamischen Land, die Braut anwesend ist. Das Ganze erklärt sich dadurch, dass es bei der Stellvertreterehe nur um die Vertragsform und nicht m den Vertragsinhalt geht und nach dem schweizerischen internationalen Privatrecht die Form sich nach dem Recht richtet, wo der Akt vollzogen wird: formam regit locus actu. Ausnahmen werden gemacht, wenn eine Form gegen unseren ordre public, also gegen fundamentale Schweizer Rechtsregeln verstösst. Bei Handschuhehen überbringt der Stellvertreter nur die Willensäusserung der Brautleute, er setzt also nicht seinen Willen an die Stelle desjenigen der Brautleute. Man hat seit jeher angenommen, dass die persönliche Anwesenheit bei einem Vertragsschluss, auch wenn es sich um einen wichtigen Vertrag handelt, keine fundamentale Regel unseres Rechtes sein kann. Wichtig bei einer Ehe ist, dass beide Parteien diese wollen, ob sie persönlich auf dem Zivilstandsamt erscheinen, ist nicht wichtig. Die Hochzeit mag als Fest wichtig sein, die bei der Verheiratung abgegebene Willenserklärung ist extrem einfach und für praktisch alle Menschen leicht zu verstehen. Es genügt also, wenn sicher gestellt ist, dass die Stellvertreter tatsächlich den Willen der Brautleute vertreten haben. Das ist aber in dem Moment sichergestellt, wo die beiden Brautleute die Einreise des ausländischen Ehegatten in die Schweiz oder - bei Schweizer Ehegatten - den Eintrag in das Zivilstandsregister verlangen. Wenn ein Landwirt den Familienhof, der seit Hunderten von Jahren im Familienbesitz ist, durch einen Stellvertreter verkaufen kann, dann ist dies auch sehr einschneidend und beeinflusst sein Leben vielleicht viel mehr als eine Ehe. Vor allem aber ist dieses Geschäft viel komplexer, weshalb eine persönliche Anwesenheit viel angezeigter wäre, vom Schweizer Recht aber nicht gefordert wird (das Schweizer Recht lässt im Übrigen auch zu, dass in einer Scheidung unter bestimmten Umständen eine Partei nicht persönlich vor Gericht erscheint). Sie können nun entgegnen, wenn man die persönliche Anwesenheit der Brautleute verlangen würde, dann könnte der Ziviilstandsbeamte prüfen, ob es nicht um eine Zwangsehe gehe. Das Argument erledigt sich, wenn man es formuliert, selber. Die Braut, die eine Vollmacht zur Trauung ausstellt, wird auch vor dem Zivilstandsbeamten in Anwesenheit ihres Vaters ja sagen. Zudem wäre wohl die Kontrolle durch einen ländlichen ägyptischen Zivilstandsbeamten/Imam kaum sehr wirkungsvoll. Die Emanzipation der Frau erfolgt erst später, wenn das Zusammenleben unerträglich wird. Das Urteil der Asylrekurskommission, das nicht die Scharia über unser Recht stellte, sondern einfach Art. 45 I IPRG, der schweizerisches Recht darstellt, anwandte, war also richtig und förderte auch nicht die Zwangsehen. Unabhängig davon, ob die Ehe persönlich oder als Handschuhehe geschlossen wurde, wird nämlich die Schweizer Botschaft den ausländischen Ehegatten, der einreisen will, zu seinem Ehewillen persönlich befragen und allenfalls noch Nachforschungen über den Vertrauensanwalt anstellen, was wesentlich wirksamer ist (allerdings keine absolute Garantie bietet). Ich finde es bei solch heikeln Themen wichtig, dass man gerade nicht die unsäglich dummen Schlagworte und Verdrehungen der Schweizerzeit kolportiert. Ich bin überzeugt, dass die Mehrheit der islamischen Väter in der Schweiz gegen Zwangsehen ist, weshalb es wichtig ist, sie nicht vor den Kopf zu stossen. Wir kämpfen nicht gegen eine Kultur, wie Sie es meinen, sondern gegen eine Mentalität, die etwas mit Herkunft (namentlich mit Schichtzugehörigkeit) zu tun hat - da gebe ich Ihnen Recht - aber nicht zwingende Folge einer bestimmten Herkunft ist.

Hilfreiche Sensibilisierung
Catherine Herriger
Noch nie habe ich in einem Medium in so wenigen, aber prägnanten Sätzen die Mentalität der "Balkan-Machos" nachlesen können. Der Autor beweist ein profundes Wissen über mittelalterliches Gewohnheitsrecht, welches Männer legitimiert, Frauen zu missachten, nötigenfalls zu peinigen und sie (oder etwaige Nebenbuhler) gar umzubringen, sollte der eigene Stolz und damit die Ehre angegriffen werden. So genannte "Ehrenmorde" geschehen mit stillschweigender Billigung dieser urpatriarchalen Kultur und geniessen, falls sie in diesen Kreisen überhaupt je vor Gericht erscheinen, mildernde Umstände. In der Schweiz fehlt das (juristische) Verständnis für diese Form des Machismus. 1998 verurteilte die Berner Justiz eine junge Frau der Anstiftung zum Gattenmord. 2003 bestätigte das Bundesgericht das Urteil der Vorinstanzen, laut dem Damaris Keller aus Geldgier ihren wohlhabenden, älteren Mann von einem angeheuerten Killer habe umbringen lassen. Stets beteuerte die Angeklagte ihre Unschuld. Nie würdigten die Strafverfolgungsbehörden die Tatsache, dass ihr angeblicher Auftragskomplize, ein Kosovo-Albaner, ausgerechnet ein von ihr verabschiedeten Liebhaber war. Dies, obwohl die Witwe stets darauf hinwies, dass er sie, nachdem sie die Affäre beendet hatte, wiederholt belästigte und bedrohte. Die Berner Justiz aber ignorierte Herkunft und Ehrenkodex des schmählich abgewiesenen Liebhabers - und damit auch seine tatsächlichen Motive. Der lediglich auf Indizien basierende Hexenprozess um den "Aaremord" durfte seinen unrühmlichen Lauf nehmen. Wären Artikel wie der von Martin Beglinger schon früher erschienen, hätte vielleicht eine für viele Menschen rechtzeitige und damit hilfreiche Sensibilisierung in Bezug auf die gefährlichen Befindlichkeiten der "Balkan-Machos" greifen können ...

Winnetou im "Magazin"
Lilo Roost Vischer
Interessant, dass sich auch "Das Magazin" ein paar feurige Schnellschüsse und vermeintliche Tabubrüche leistet, schade, dass dadurch drängende Probleme eher verschärft als gelöst werden.

Da ich ohne Nachfrage namentlich erwähnt und zum Teil indirekt in diese absurde Ethnologinnenschelte reingezogen werde, möchte ich gern folgendes klarstellen : Ich war bei der Basler Veranstaltung gegen Zwangsehe keineswegs gegen das Thema und die Referentin, sondern ich kritisierte pseudowissenschaftliche Argumente von Seyran Ates wie "in Deutschland ist jede zweite Migrantin zwangsverheiratet". Die Formulierung, man würde "Rassismus gegen migrantische Gruppen schüren" habe ich nie verwendet, in einer Partei bin ich auch nicht, weder rot noch grün. Auch die zweite namentlich genannte Ethnologin, Annemarie Sancar, kann ich bei bestem Willen nicht des zitierten "Winnetou-Syndroms" bezichtigen. Als Wissenschafterinnen im angewandten Bereich haben wir die eher mühsame und unsexy Aufgabe, gründlicher nach Fakten und Zusammenhängen zu graben als es dem Kampagnenstil entspricht. Die Einschätzung von Martin Beglinger, dass eine neue Generation am Werk sei, die "Integrationspolitik nüchterner und illusionsloser betrachtet", kann ich leider nicht bestätigen. Im Gegenteil, mir scheint, dass zumindest einige Mitglieder von zwangsheirat.ch wie letzte Überreste militanter aktivistischer Zirkel aus den 70er und 80er Jahren funktionieren, was Ideologie und internes Netzwerk betrifft. Dass das bei vielen gut ankommt, der Sache aber kaum dienlich ist, genausowenig wie solche Presseartikel, gehört leider zur Tabuisierung des Themas. Wir müssen das Phänomen Zwangs- und arrangierte Ehen im hiesigen Migrationskontext verstehen können, rasch nach Lösungen suchen, eine klare Haltung einnehmen und geeignete Präventionsarbeit machen, um Zwangsehen zu verhindern. Dies sollte eigentlich unser gemeinsames Anliegen sein.

Spagat für Engagierte
Regina Probst
Der Spagat ist für Engagierte in Migrationsfragen nicht ganz einfach. Sie müssen die eine Klientele, die sie vertreten, quasi auf der anderen Seite wieder kritisieren. Kleine unabhängige Organisationen kämpfen schon sonst ums finanzielle Überleben und sind fragil. Am Anfang der Zwangsheirat-Debatte vor einigen Jahren, haben sie reflexartig alles abgelehnt, was an Kritik kam, ich wurde als Gründerin und ehemalige Leiterin von Terre des Femmes Schweiz auch angegriffen. Nicht zuletzt fehlte einfach noch das Wissen und die Vorstellung der Dimension dieser "privaten familiären Angelegenheiten". Wahrscheinlich auch das "Wissenwollen". Auch haben die Medien gerne die komplizierten Geschichten zu sehr auf Gut und Böse reduziert. Ich musste immer wieder reklamieren, es sollen meine differenzierenden Ausführungen nicht auf den Satz "Jede zweite muslimische Frau in der Schweiz ist zwangsverheiratet", reduziert werden. Leider schrieben es andere Medien jeweils wieder so ab. Meine ursprüngliche Aussage war aber in etwa, dass jede zweite muslimische Frau in der Schweiz Konflikte mit ihrer Familie bezüglich Partnerwahl und Lebensstil hat und dass es sich vorwiegend um Unterschicht handelt. Am Ende ist davon aber nur eine geringe Zahl auch wirklich unter Zwang verheiratet. Und ich habe immer wieder darauf verwiesen, dass es hierzulande bis etwa vor 50 Jahren bezüglich Moral in den Familien nicht sehr anders gewesen wäre. Aber es geht um zahlreiche Verletzungen von Rechten und Freiheiten an Mädchen und Frauen. Da sollen auch Migrantenorganisationen und Ethnologinnen hinschauen. Punkt. Die Ethnologinnen tun sich meiner Erfahrung nach wirklich am schwersten, denn wie eine davon mir selber gesagt hat, seien sie natürlich idealistisch für ihre "Objekte" eingenommen. Sie pflegen Freundschaften, reisen in die Länder, was ja alles toll ist. Sie kommen in der Regel aus der Mittelschicht und haben folglich keine eigenen Unterschichts-Erfahrungen. Das gibt dann falsche Vorstellungen und Romantisierungen. Das kann schon etwas "Winnetou" werden. Ich pflege als Bauerntochter aus einfachen Verhältnissen auch ein viel nüchterneres Bild vom "Bauernhof" als etwa die städtische Mittelschicht. Ich sage immer, sozialromantische Naivität und Linksradikalismus muss mensch sich erst leisten können.

Nicht an Integrierbarkeit gedacht
Felix de Fries
Die meisten der Immigranten aus Ex-Jugoslawien und aus der Türkei, die heute aus ihrer Heimat Bräute importieren oder Familiennachzug praktizieren, wurden von jenen Gewerbetreibenden als Arbeitskräfte in die Schweiz geholt, die jetzt lauthals mit der SVP ihre Ausschaffung fordern. An ihre Integrierbarkeit wurde dabei gar nicht gedacht. Der ganze Schweizer Arbeitsmarkt im Bau, in der Pflege und im Gastgewerbe beruht bekanntlich darauf, dass man bei Bedarf jederzeit günstige Arbeitskräfte importieren kann. Wer sich hier einmal niedergelassen hat, hat aber das Recht, seinen Glauben und seine Sitten auszuüben und so wie andere Bürger bei Problemen Hilfe zu erhalten. Das Problem sind also nicht die Winnetous in den Sozialämtern, sondern die völlig strukturlose Einwanderungspolitik, welche die Gewerbetreibenden ungehindert seit den 80er Jahren betreiben konnten. Der SVP geht es dabei seit Jahrzehnten im Kern nur darum, durch fremdenfeindliche Kampagnen die Einbürgerung dieser Menschen zu verhindern, weil diese dann das Stimm- und Wahlrecht erhalten würden. Gegen günstige Arbeitskräfte hat sie nichts.

Klare Regeln, langer Atem
François Vogel
Nachdem sich die Probleme rund um die Migration von Kulturfremden Mitbürgern in den letzten 15 Jahren stetig verstärkt haben, und man neuestens diese auf den Tisch bringen darf ohne von Links in die rechtsextreme Ecke gestellt zu werden, ist es an der Zeit, dass wir zu Lösungen kommen wie wir das zusammenleben förderlich gestalten. Klare Regeln aufstellen und umsetzen sowie gute Ideen der neuen Bewohner für unser Land adaptieren. Dass dies einen langen Atem benötigt und über eine Legislaturperiode geht ist klar. Die SVP, die ich nicht zu wählen pflege, bringt die Probleme akzentuiert auf den Tisch und gewinnt Stimmen ohne gute Lösungen zu zeigen. Jetzt ist es an den anderen Parteien diese guten Lösungen zu gestalten und aufzuzeigen und nicht weiter die Augen zu verschliessen.

Pragmatische Ethnologinnen
Thomas Kessler
Im Artikel zu Zwangsheiraten wird meine projektbezogene wissenschaftliche Mitarbeiterin Dr. Lilo Roost Vischer in einem Kontext erwähnt, der den falschen Eindruck erweckt, dass sie einer romantisierenden Sicht der Migration zugetan wäre. Richtig ist das Gegenteil; Frau Roost Vischer zeichnet sich durch ein fundiertes Wissen, viel Praxiserfahrung im In- und Ausland und pragmatische Lösungen in der Projektarbeit aus. Sie leistet als Ausbildnerin von Polizeileuten und anderen Berufsgruppen, die im Alltag die problematischen Seiten der Migration bewältigen helfen, schweizweit Pionierarbeit. Auch als Leiterin des "Runden Tischs der Religionen" und in weiteren Projekten engagiert sie sich erfolgreich mitten in den besonderen Herausforderungen der Migration. Diese Qualitäten teilt sie mit den übrigen Ethnologinnen, die in Basel für die Behörden Integrationsarbeit leisten. Das Sicherheitsdepartement Basel-Stadt arbeitet seit bald 10 Jahren eng mit dem Ethnologischen Seminar zusammen; auch das bewährte Integrationsleitbild des Kantons wurde von einer Ethnologin, Frau Dr. Rebekka Ehret, verfasst.

Ohne Druck wird sich wenig ändern
Rainer Moor
Mit einem ehemaligen Arbeitskollegen aus Zentralanatolien, hatte ich etliche Diskussionen zum Thema Integration.

Er, mit guten Deutschkenntnissen und abgeschlossener Berufslehre, heiratete eine Frau aus seiner Heimat, die anschliessend bei ihm und seinen Eltern in der Schweiz einzog. Für ihn war klar, dass seine Frau nicht arbeiten "muss", weil er schliesslich für sie sorgen kann. Und um mit seiner Mutter den Haushalt zu führen, wozu bitte braucht sie da einen Deutschkurs? Die Rollenteilung ist seit Generationen gegeben; so ist es gut, und so soll es auch bleiben. Ohne Druck wird sich kaum viel, oder nur sehr langsam etwas ändern. Deshalb sind obligatorische Sprachkurse - und bei Verweigerung entsprechende Konsequenzen
(Bussen, Entzug der Aufenthaltsbewilligung), sicher ein Weg, den man ausprobieren sollte!

Entwicklungsmöglichkeiten schaffen
Janine Arpagaus-Egger
Tabubrüche mittels Medienkampagnen eignen sich mitunter bestimmt dazu, gewisse gesellschaftliche Realitäten aufzuzeigen: es ist jedoch ausserdem wichtig, diese wissenschaftlich seriös zu unterlegen. Gerade aus der Perspektive von MigrantInnen und im Hinblick auf die Ergebnisse der letzten Abstimmungen über Migrations- und Integrationsthemen (Bürgerrechtsrevision, Asyl- und Ausländergesetz) scheint dies mehr als angezeigt. Das betont ja auch Andrea Würsten sehr zu Recht. Denn schauen wir doch uns doch ein paar neuere wissenschaftlichen Studienresultate an: 75% der tamilischen Community arbeitet in Zürich in der Küche oder Reinigung, dies obwohl das Bildungskapital aus dem Herkunftsland hoch ist. In anderen Kantonen sieht es kaum anders aus. Hier liegen Ressourcen und Entwicklungsmöglichkeiten brach! In Quartieren wie der Bern- und Baselstrasse in Luzern ist die räumliche Segregation mit MigrantInnenanteilen von knapp 60% an der Wohnbevölkerung zudem äusserst hoch. Die Anteile von AusländerInnen mit einer für die Schweizer Landessprachen entfernten Hauptsprache sind in solchen Quartieren eher im Steigen begriffen. Die Kehrseite einer einseitigen Stärkung migrantischer Gruppenidentitäten ist die Beschränkung der individuellen Entfaltungsmöglichkeiten jeder einzelnen migrantischen Person, dies lässt sich bei Phänomenen wie Zwangsheirat ebenso wie beim Spracherwerb beobachten. Statt sich nach Ethno-Folklore zu sehnen, was der Entwicklungen von Parallelgesellschaften noch Vorschub leistet, sollten auf der Basis von wissenschaftlicher Erforschung der erwähnten Migrations- und Integrationsphänomene konkrete, progressive Massnahmen eingeleitet werden wie die Kampagne gegen Zwangsheirat oder die verbindliche Sprachforderung. Gerade was die Sprachverpflichtung für MigrantInnen betrifft, hinkt die Schweiz hinter den europäischen Nachbarländern nach: hier können wir von gemachten Erfahrungen profitieren und eine Integrationspolitik gestalten, die auf echter Mit-Sprache und Teilhabe beruht und die MigrantInnen ebenso fördert wie fordert. Wenn progressive MigrantInnen selber die Verantwortung für solche Massnahmen übernehmen, dann sind wir auf einem guten Weg. In Basel haben die AutorInnen des neuen Integrationsgesetzes MigrantInnen und einige Linke gegen sich aufgebracht, weil sie die Sprachverpflichtung mit der Aufenthaltsbewilligung verknüpft haben. Damit vermischen sie Integrations- mit Zuwanderungspolitik. Beispielhaft scheint dagegen die Vorgehensweise des alternativen Zuger Kantonsrats Rupan Sivaganesan: Er tastete mit seiner Motion den Aufenthalt nicht an, sondern er setzte bei der Niederlassungsbewilligung an. Die Niederlassungsklausel des migrantischen Politikers Sivaganesan könnte wegweisend sein - für die baslerische Integrationspolitik und für die gesamte Schweiz.

Integration und Unterwanderung
Véronique Egger-Küng
Ihr Artikel wiederspiegelt auch ein Teil meiner Erfahrungen, die ich vor ein paar Jahren machen durfte. Eine 6-köpfige Familie aus Kosovo-Albanien zog damals als meine Nachbarn ein. Der Vater arbeitete seit 23 Jahren bei einer Transportfirma, die Mutter sprach kein Wort Deutsch und verlies die Wohnung sehr selten, vier Kinder waren im Teenageralter, die Wohnung 64m2 gross. Sieben Kinder waren bereits mit Import-Ehemännern oder -Frauen verheiratet und wohnten in einer eigenen Wohnung. In den Sommerferien ging es "nach Hause", wo das älteste der vier Kinder verheiratet wurde. Fortan lebten sieben Personen in diesen 64m2. Das Einkommen, welches die drei älteren Kinder verdienten, mussten sie ohne Abzug Ihrem Vater abgeben. Die Mutter weigerte sich, die Wäsche in der hauseigenen Waschmaschine zu waschen, in welcher wir "Ungläubigen" unsere Wäsche wuschen. Sie wusch alles von Hand. Getrocknet wurde ebenfalls in diesen 64m2. Innert kürzester Zeit war die Wohnung verschimmelt. Die Familie zog weg, der Vermieter hatte das Nachsehen. Ein paar Jahre später traf ich eines der Mädchen, unterdessen 21 Jahre alt, wieder. In der Zwischenzeit verheiratet mit einem Import-Ehemann aus Kosovo-Albanien und schwanger mit dem dritten Kind. Es erfüllt mich mit Freude, dass Sie sich die Zeit genommen haben, um dieses Dilemma an die Öffentlichkeit zu tragen. Soviel zum Thema Integration und Unterwanderung.

Gemeinsam für unsere Überzeugungen kämpfen
Margrit Kuhn
Was mich am Artikel über die Zwangsheiraten stört, ist das Auseinander-Dividieren der „alten„ - sprich verbiesterten - Frauen, den verstaubten Theoretikerinnen, und den „jungen“ - sprich attraktiven - Frauen, den modernen Pragmatikerinnen. Das hat in letzter Zeit System. Wir alle – Jung und Alt - berufen uns auf die Menschenrechte, welche mit der Magna Charta schon im Jahre 1215 in England einen Anfang nahmen und seither über Jahrhunderte weiterentwickelt wurden. Wie der Artikel schreibt, sind die Forderungen, die Menschenrechte auch auf Frauen von andern Kulturkreisen anzuwenden, noch nicht alt, eigentlich haben sie erst mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts wirklich eine nachhaltige Verbreitung in der westlichen Bevölkerung gefunden. Dies ist sicher ein Verdienst nicht nur der im Artikel erwähnten Necla Kelek, sondern auch von Nahed Selim „Nehmt den Männern den Koran“ oder Ayan Hirsi Ali „Ich klage an“ und deren Vorläuferin Fatima Mernissi, der marokkanischen Autorin und Soziologie-Professorin und andern, die ich nicht kenne. Es ist auch richtig, dass die Forderungen dieser Frauen zum Beispiel ins Integrationspapier der SPS keinen Eingang gefunden haben. Entscheidend jedoch dünkt mich, dass uns die genannten Frauen auffordern, für unsere westlichen Überzeugungen einzustehen, selbstbewusst als Inländerinnen für die über Jahrhunderte mit zahlreichen Opfern – davon viele Frauen – erkämpften Werte einzustehen und damit allen Frauen – auch Migrantinnen – den Boden für die Besserstellung ihrer Situation zu bereiten. Denn eines ist klar, mit der ökonomischen, politischen und familiären Besserstellung der Frauen hapert es, seien sie Inländerinnen oder Migrantinnen. In diesem Sinne appelliere ich an alle Frauen, sich dem männlichen „Teile und herrsche-Prinzip“ zwischen jungen und alten Frauen nicht zu unterwerfen.

Das gemeinsame gute Leben als Ziel
Gisela Hürlimann
Bevor ich auf Lilo Roost Vischers Beitrag eingehe, möchte ich festhalten: Ich bin nicht im Kernteam von zwangsheirat.ch, sondern wirke als eine der wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen. Das Kernteam besteht aus MigrantInnen und Einheimischen und arbeitet mit weiteren Personen zusammen, die einen unterschiedlichen „ethnischen“ und sozialen Hintergrund aufweisen und unterschiedliche persönliche Einstellungen mitbringen. Doch in einem sind sie sich einig: Sie wollen individuelle Menschenrechte auch bei MigrantInnen verankern. Das bedingt mühsame Knochenarbeit und ist tatsächlich völlig „unsexy“, um den seltsamen Sprachgebrauch von Frau Roost Vischer aufzunehmen. Lilo Roost Vischers Etikettierung von Personen aus >zwangsheirat.ch – ein Programm verankert Menschenrechte< (so der volle Titel) als quasi altlinke Ideologen ist befremdlich und unzutreffend. Einerseits, weil die meisten dieser Personen die 1970er-Jahre höchstens noch als Babys erlebt haben. Anderseits wundert es mich, dass eine Ethnologin nicht nachvollziehen kann, dass Menschen aus südlichen und südöstlichen Ländern eine andere Dynamik in Projekte und Vereine bringen: Solidarität statt Einzelprofilierung und Individualität statt Individualismus. Das auf eine Weise abzukanzeln, wie das Frau Roost Vischer tut, zeugt für mich von Adultismus gegenüber diesen mehrheitlich jungen Personen und von einer gewissen Ignoranz gegenüber der Tatsache, dass die Verantwortung des Programms durch MigrantInnen wahrgenommen wird. Ist bei dieser Ignoranz wohl Eurozentrismus im Spiel? Mit altlinker Ideologie hat www.zwangsheirat.ch nichts zu tun. Sondern mit der Bereitschaft, sich für das ethische Ziel einzusetzen, ein gutes Leben für alle in diesem Land zu erreichen. Bevor man diese Bemühungen herabwürdigt, sollte man sich vergegenwärtigen, was das heisst: Da sind junge MigrantInnen dabei, die teilweise in ihrer Bekanntschaft oder Verwandtschaft mit solchen Zuständen konfrontiert sind, und die es dennoch – oder gerade deswegen – wagen, das zu kritisieren, um es zu ändern. Es sind hauptsächlich MigrantInnen und Second@as und die mit ihnen verbundenen Einheimischen, die Tausende Stunden ehrenamtliche Arbeit – Recherchen, Diskussionen, Veranstaltungsvorbereitungen, Schulworkshops, Interviews und Beratung für Betroffene, Vermittlungsgespräche mit Eltern – leisten, um diesem besseren Leben für MigrantInnen näher zu kommen. Ein fortschrittliches und emanzipatorisches Integrationsverständnis wäre es, wenn man diese ehrlichen und offenen Bemühungen und das vertiefte Insiderwissen dieser Menschen ernst nehmen und in einen gleichberechtigten Dialog mit ihnen treten würde.

Zur „Ethnologinnenschelte“: Zunächst sei der Ethnologe (!) Claude Meillassoux zitiert, der bereits 1980 vor der „Verwendung und dem Missbrauch“ des ethnologischen Ansatzes gegenüber ArbeitsimmigrantInnen warnte (Claude Messailloux, Gegen eine Ethnologie der Arbeitsmigration, in: Jochen Blaschke und Kurt Greussing, Dritte Welt in Europa, Frankfurt a.M. 1980). Ich würde Meillassoux’ Aussage dahingehend nuancieren, dass der Gebrauch überholter ethnologischer Ansätze im Bereich der Integrationspolitik kritisch zu hinterfragen ist. Als Historikerin möchte ich darauf aufmerksam machen, dass wir es seit der Nachkriegszeit mit drei migrationspolitischen Hauptmodellen zu tun hatten: erstens mit dem Rotationsprinzip nach dem Motto: Fremde gehören nicht auf Dauer hierher. Darauf wechselte man allmählich zum Assimilationsprinzip nach dem Motto: Fremde können bleiben, sollen sich aber anpassen. In den 1970er/80er-Jahren setzte sich drittens das Multikulturalismuskonzept durch, das aufrief, Gruppenvielfalt anzuerkennen statt auf Homogenisierung zu setzen. Für diesen dritten und damals progressiven Ansatz haben EthnologInnen viel getan. Doch wie präsentiert sich die Situation seit den 1990er-Jahren? Das Saisonnierstatut ist abgeschafft, die Möglichkeiten für den Familiennachzug wurden über Jahre hinweg erweitert, so dass heute die nachziehenden Ehegatten und Kinder die grösste Gruppe der Zuwandernden bilden (2005 ca. 37%). Gleichzeitig zeichnet sich im Innern etlicher migrantischer Communities eine Entwicklung ab, die Anzeichen einer Reethnisierung trägt. Damit bezeichnet die Soziologie die Hinwendung zur tatsächlichen oder vermeintlichen Ursprungskultur in der Minderheits- und/oder Emigrationssituation. Sichtbares Zeichen davon sind die vielen Satellitenschüsseln, die vielen eigenen Geschäfte, eigene Folklorevereine etc. etc. Und natürlich sind arrangierte oder erzwungene Ehen der eigenen Kinder mit Landsleuten ein Ausdruck davon. Die Gründe sind vielfältig. Dabei spielen auch die häufige Nichtanerkennung des Bildungskapitals von MigrantInnen in der Schweiz, die Diskriminierung auf dem Lehrstellen- und Arbeitsmarkt sowie Prozesse der Ausgrenzung und Stigmatisierung durch fremdenfeindliche Parteien und die schweizerische Mehrheitsgesellschaft eine Rolle. Wenn der lebensweltliche Bezugspunkt sich ausschliesslich bei der eigenen Community befindet, dann leben diese Menschen nicht mehr gemeinsam mit uns, sondern in Parallelgesellschaften. Solche gibt’s zwar auch am anderen Ende der sozioökonomischen Skala: die angelsächsische Community in Zürich etwa. Parallelgesellschaften sind solange kein Problem, als sie den Status ihrer Mitglieder in der Gesellschaft nicht verschlechtern und deren Individualrechte nicht schmälern. Das letztere entspricht auch einem Postulat der Gerechtigkeitstheoretikerin und Philosophin Nancy Fraser. Genau diese zwei Prärogative sind aber bei vielen der im Artikel porträtierten und bei weiteren unterprivilegierten migrantischen Familien nicht gegeben: Für sie als sozioökonomisch Unterprivilegierte und gesellschaftlich Diskriminierte wirkt sich die Überbetonung von Gruppenkultur und Familientradition einerseits und die Vernachlässigung individueller Wünsche anderseits negativ aus. Das verstärkt die vorhandene Benachteiligung. Und statt dass der Abstand zur gesellschaftlichen Mehrheit vermindert wird, vergrössert sich dieser noch. Zudem kann die Überbetonung von Gruppenidentität auf Kosten individueller Freiheit auch zu Menschenrechtsverletzungen führen, insbesondere deshalb, weil Traditionalismus mit Vergeschlechtlichung einher geht: mit antiquierten Vorstellungen, was die Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen anbelangt. Die Vergeschlechtlichung, wie sie sich in Zwangsheirat und Jungfräulichkeitskult äussert, ist sehr ernst zu nehmen. Denn die Mehrheit in diesem Land tickt anders: da wird aus Liebe oder zumindest nach freier Wahl geheiratet, wenn überhaupt. Warum sollte diese Normalität für unterprivilegierte MigrantInnen nicht auch gelten dürfen? In der Integrationsarbeit müssen deshalb ergänzende Ansätze entwickelt werden: neben der Gruppenvielfalt soll auch die individuelle Vielfalt, sollen die individuellen Rechte von MigrantInnen gefördert werden. Hier tut sich denn auch genau jener Gegensatz auf zu überholten ethnologischen Einstellungen, die der Ethnologe Messailloux 1980 anprangerte. Es gab und gibt sie natürlich, die EthnologInnen, die moderne Ansätze vertreten, welche für die komplexe Situation heutiger MigrantInnen aus der Flüchtlingsmigration und aus dem Familiennachzug passen. Eine dieser EthnologInnen war in Basel Rebekka Ehret, die inzwischen nicht mehr im Integrationsbereich arbeitet. Denn als WissenschaftlerInnen muss uns interessieren, wie ein gutes Zusammenleben gesellschaftlich möglich ist. Deshalb sollten wir für Neuerungen offen sein, die einer veränderten gesellschaftlichen Realität Rechnung tragen. Das wäre mein Wunsch an die Integrationsakteurinnen und –akteure.
Gisela Hürlimann

Integration klappt nicht ohne Schweizer/innen
Simone Gretler Heusser
Die im Bericht geschilderten Geschichten sind glaubhaft – allerdings sind die sommerlichen Hochzeitsfeste am Herkunftsort wohl eher pragmatisch zu erklären, denn auch Migrantinnen und Migranten sind heute mobil und leben ihr Leben „hier und dort“. Und diese jährlichen Familientreffen verhindern gerade, dass der Kosovo oder das bosnische Dorf Reservat bleiben könnten, viel zu intensiv ist der Austausch mit den Ausgewanderten. Ich nehme keinen Graben wahr zwischen „tonangebenden Leuten der Integrationsindustrie“ und der Arbeit von jungen Fachleuten wie Ylfete Fanaj oder Lathan Suntharalingam – vielmehr hat ein Integrationsdiskurs diesen Namen erst verdient, wenn verschiedene Stimmen mitdiskutieren, sogar die SVP.

Über Integrationsvereinbarungen und obligatorische Sprachkurse kann man ewig streiten; die einzig mir bekannte wissenschaftliche Untersuchung zu diesem Thema kam zum Schluss, dass Wirkung nicht durch Zwang erreicht werden kann. Jedoch ist klar, dass Integrationsmassnahmen besser greifen und mehr Menschen erreichen, wenn sie selbstverständlich dazu gehören – da können obligatorische Kurse meiner Meinung nach durchaus sinnvoll sein. Zu Recht wird betont, dass Sprachkenntnisse der Eltern für die Schulchancen der Kinder von Bedeutung sind, und dort, wo Elternarbeit ernst genommen wird, kann sie durchaus zur sozialen Integration der ganzen Familie beitragen. Schade, wurde das im Magazin-Artikel vor ein paar Wochen über die Amerikanerinnen in ihrem Strickclub nicht thematisiert... In Annemarie Sancars Appell, „Ereignisse wie häusliche Gewalt oder Zwangsehen“ nicht mit „Herkunft“ oder „Kultur“ zu verknüpfen, sehe ich weniger ein Denkverbot als das Anliegen, kriminelle Handlungen wie die genannten mit dem bestehenden Strafrecht zu ahnden. Wir vergessen oft, dass gerade jene Menschen, die während der Kriege im damaligen Jugoslawien in die Schweiz geflüchtet sind, die Rechtssicherheit in der Schweiz hoch schätzen. Deshalb ist es ihnen nicht verständlich, warum man z.B. in einem Mordfall mit Migrantenbeteiligung kulturelle Kategorien und nicht rechtsstaatliche Argumente ins Feld führt. Diese Form von „Spezialbehandlung“ ist gut gemeint, im Grunde genommen aber eine besonders arrogante Form des Ausschlusses.
Simone Gretler Heusser, Ethnologin und SP-Mitglied

Es ist das Patriarchat
Doris Angst
Es gibt keinen Zweifel, dass Frauenrechte Menschenrechte sind und Frauen vor Zwangsheiraten geschützt werden sollten. Ich selber habe schon solche Begleitungen gemacht, durchaus mit Druckausübung auf die Väter. Die www.zwangsheirat -Gruppe tut sicher Nützliches. Allerdings gleitet die Argumentation, es sei dies unveränderlich der „Kultur“ der Zuwanderer zuzuschreiben, eben doch rasch ins Rassistische ab (hart an der Grenze dazu schrammen meiner Meinung nach die begleitenden Illustrationen), wie Annemarie Sancar in ihren Forschungen richtig ausführt. Vielmehr ist es das Patriarchat, das solche Unterdrückungsformen gegenüber Frauen, Söhnen, Töchtern hervorbringt. Es herrschte bis vor nicht allzu langem auch in Westeuropa – man lese nur mal wieder Fontanes Effi Briest (1895).
Migrantische opinion formers haben es in der Schweiz schwer
Sanaz Rahimifar
Frau Roost Vischer greift in Ihrem Beitrag Seyran Ates, die mit Lilo Roost auf dem Basler Podium war. Ursprünglich hatten wir Thomas Kessler für die Basler Veranstaltung eingeladen, der aber verhindert war. Basel Integration hat dann Lilo Roost Vischer aufs Podium delegiert. So bekamen wir die Gelegenheit, die Positionen von Frau Roost Vischer, die uns bisher nicht als Expertin in Fragen der Zwangsheirat in der Schweiz bekannt war, zu erfahren. Auch Seyran Ates hat bisher keine wissenschaftlichen Forschungen zu diesem Thema betrieben. Aber sie beschäftigt sich seit 1983 mit diesem sozialen Problem. Als erste im deutschsprachigen Raum hat sie das Thema überhaupt auf die politische Agenda gebracht, und zwar erstmals an einem feministischen Kongress. Seither hat sie als Anwältin trotz massiver Bedrohungen und einer lebensgefährlichen Schutzssverletzung jahrelang viele betroffene Frauen – und auch einige Männer – aus ganz Deutschland vertreten hat. Sie hat Bücher zum Thema geschrieben und ist auch im deutschen Bundestag fürs Dossier Zwangsheirat zuständig. In allen diesen Funktionen hat sie sich unermüdlich für Aufklärung und für die Betroffenen eingesetzt. Diese Bemühungen wurden auch mehrfach ausgezeichnet, zum Beispiel jetzt gerade am 21. Juni mit der höchsten Auszeichnung der Bundesrepublik Deutschland, dem Bundesverdienstkreuz (http://www.bundespraesident.de/dokum...g/dokument.htm). Im Januar 2007 hat sie bereits den Margherita-von-Brentano-Preis der renommierten Freien Universität Berlin für wissenschaftliche Leistungen im Bereich der Frauenförderung sowie der Geschlechterforschung bekommen. Das zeigt, dass ihr bisheriges Engagement auch für Wissenschaftlerinnen interessante Ansätze liefert. Eine echte Auseinandersetzung lohnt sich also, auch wenn man nicht mit allen Positionen von Seyran Ates einverstanden ist. Ich denke, damit muss ich ihre Wahl für das Basler Podium nicht weiter rechtfertigen. Wer noch mehr über sie wissen will, erhält hier einen schnellen Überblick (http://de.wikipedia.org/wiki/Seyran_Ate%C5%9F).

In Basel haben wir das Problem der Zwangsheirat auch aus der schweizerischen Perspektive ausführlich thematisiert: mit dem Referat von Anu Sivaganesan. Und auch durch die Podiumsteilnehmerinnen, die Basler zwangsheirat-Projektleiterin Janitha Suntharalingam und Marlène Schenk. Anu Sivaganesan fand auch einen angemessenen schweizerischen Vergleich fürs veraltete Traditionen: nämlich die bisherige Praxis, den Schweizer Soldaten das Sturmgewehr mit nachhause zu geben, trotz Studien, die den Zusammenhang mit Suizid und Tötungen von Frauen und Kindern zeigen. Wir haben bisher durch unser Vorgehen auch verhindert, das dieses soziale Problem von der falschen Seite instrumentalisiert wird.Aber warum „brauchen“ wir überhaupt eine Seyran Ates auf Besuch in der Schweiz? Weil wir bisher keine politischen, wissenschaftlichen oder themenbezogenen migrantischen Meinungsbildner/innen (community opinion formers) auf nationaler Ebene haben. Wenn wir das Beispiel Deutschland nehmen, dann gibt es fürs Thema Zwangsheirat folgende Personen: Seyran Ates, Serap Cileli, Necla Kelek, Ahmet Toprak, Fatma Bläser, Evrim Baba und Lale Akgün und andere. Warum gibt es in der Schweiz keine solche community opinion formers, welche sich mit Menschenrechtsfragen auch bei Migrantinnen und Migranten beschäftigen? Meine Meinung ist, weil Migrantinnen und Migranten hier politisch und wissenschaftlich einfach noch zu wenig emanzipiert sind und zu stark bevormundet werden. Das wollen wir mit unserem Programm zu Zwangsheirat ändern. Gleichzeitig finde ich, dass man die Medienberichte zu diesen Themen schon mit einer gesunden Portion Skepsis lesen soll. Denn sie vereinfachen manchmal mit Sensationslust und Exotisierung zu stark. Deshalb ist es umso wichtiger, dass es solche Austauschmöglichkeiten gibt wie jetzt dieses Online-Forum. Thomas Kessler hat vom Winnetou-Syndrom gesprochen. Es ist sehr wichtig, dass Personen, die im Integrationsbereich tätig sind, ihren Wissenshorizont erweitern und ihre Scheuklappen aufgeben. Dafür ist es nötig, dass sie ihren Platz im Integrationsbereich mindestens mit Migrantinnen und Migranten teilen, damit zusammen gute Lösungsansätze erarbeitet werden können. Es gibt viele Personen mit Migrationshintergrund, die das können, doch dazu brauchen sie eine Plattform und Möglichkeiten.
P.S: Ich war Hauptverantwortliche für die Zuger Veranstaltung „Mit Zwang zur Heirat?" von >zwangsheirat.ch - ein Programm verankert Menschenrechte<

Zuerst Lesen und dann (be-)urteilen
Marlène Schenk
Bevor Doris Angst das Team von >zwangsheirat.ch< der einseitigen Kulturalisierung dieses Problems beschuldigt, würde ihr ein Blick auf unsere Website www.zwangsheirat.ch und sorgfältiges Lesen derselben gut tun. Denn dann würde sie feststellen, dass wir uns ganz und gar nicht mit monokausalen Erklärungen zufrieden geben, weder bezogen auf die Kultur noch, wie offenbar Frau Angst, auf das Patriarchat. Sie würde feststellen, dass wir den Blick auf die verschiedenen möglichen Einflussfaktoren sowohl auf der Mikro-, Meso- wie auch Makroebene richten. Der monokausale Erklärungsansatz des Patriarchats kann auch mit dem Beispiel des „Muttermythos" relativiert werden, auf den Lale Akgün aus Deutschland hingewiesen hat. So sind die Mütter als die Erziehungsverantwortlichen wesentlich an der Weitergabe und Durchsetzung von traditionellen Geschlechterverhältnissen beteiligt, selbst dann, wenn ein Vater diesbezüglich eine liberale Haltung vertritt. So haben auch schon Mütter Zwangsheiraten ohne Einverständnis der Väter durchgesetzt. Dies sind Indizien eines „unterwanderten Patriarchats".

Auf der Website werden sodann neben den autoritären, traditionell-konservativen Familieneinstellungen und –strukturen ebenbürtig weitere Faktoren wie die restriktive Zuwanderungspolitik für „Drittstaatenangehörige", die Diskriminierung durch die Mehrheitsgesellschaft wie auch ökonomische Gründe hervorgehoben. Weitere Erklärungsansätze lesen Sie unterhttp://www.zwangsheirat.ch/zwangshei...n_ursachen.htm. Das Phänomen der reaktiven Reethnisierung hat übrigens bereits Gisela Hürlimann in ihrem Forumbeitrag beschrieben. Was hat das alles mit einseitiger Kulturalisierung zu tun?!

Überzeugen Sie sich selbst und lesen sie auf der Website nach wie >zwangsheirat.ch< Sensibilisierungs- und Aufklärungsarbeit betreibt. Es ist auch ein Verdienst dieser Kampagne, dass mit den verschiedenen Veranstaltungen, der Website und dem 8er-Postkartenset, auf denen auch prominent zwei Menschen srilankischer Herkunft abgebildet sind, der Islamisierung dieses Problems entgegengewirkt werden konnte.

Von Annemarie Sancar sind mir in Bezug aufs Thema Zwangsheirat keine eigenen wissenschaftlichen Forschungen bekannt. Das Basler Projektteam wollte sie an die Veranstaltung mit Seyran Ates einladen als Podiumsgast, was Frau Sancar wegen einer Terminkollision ablehnen musste. Es fällt mir einfach auf, dass von unserer Dialogbereitschaft besteht und wir IntegrationsakteurInnen regelmässig einladen oder es zumindest versuchen. Umgekehrt fand das jedoch bisher nicht statt. Ich nehme auch nicht an, dass Doris Angst sich auf Frau Sancars Stellungnahme im „Widerspruch" bezieht, wenn sie von Forschungen spricht. Meines Wissens gibt es in der Schweiz über dieses soziale Problem nämlich bisher nur die explorative Studie des Vereins Surgir und daneben einige Maturaarbeiten bis hin zu Masterarbeiten, welche >zwangsheirat.ch< im seinem Forschungsarchiv sammelt und analysiert. In dieses Archiv und damit in die Grundlagenarbeit unseres Programms werden auch Forschungen aus anderen Ländern einbezogen.

>zwangsheirat.ch< betont unermüdlich, wie komplex dieses soziale Problem ist und dass es deshalb eines differenzierten Umgangs damit bedarf. Das multiethnisch und interdisziplinär zusammengesetzte Team betreibt die hierfür notwendige Grundlagenforschung ohne partialanalytische Einschränkungen. Diese trägt Früchte, nicht nur wissenschaftlich, sondern auch für die Betroffenen, denen wir präventive Massnahmen und Auswegsmöglichkeiten aufzeigen und die wir betreuen. Das Vertrauen, das uns die Betroffenen entgegenbringen, bringt uns mit vielen versteckten Realitäten in Kontakt. Es sind nebst den wissenschaftlichen Analysen auch diese authentischen Erfahrungen der Betroffenen, auf die wir unsere Aussagen fundieren.

Wer sich für den Dialog interessiert, kann jederzeit mit uns in Kontakt treten (http://www.zwangsheirat.ch/kontakt.htm). Jede konstruktive Mitgestaltung bei der Lösung dieses sozialen Problems ist hoch willkommen.
Marlène Schenk (universitärer Forschungsschwerpunkt: Zwangsheiraten in der Schweiz)

Tamilen - arrangierte und nicht Zwangsheirat
Damaris Lüthi
Arrangierte Heirat bedeutet nicht immer Zwangsheirat, zumindest nicht bei tamilischen Familien. Damit nicht alle Bevölkerungsgruppen mit nicht-westlichen Wurzeln pauschal als rückständig und gewalttätig verachtet und verurteilt werden ist es wichtig, das Thema differenziert zu betrachten. Nicht alles, was nicht "Liebesheirat" ist, ist eine Zwangsheirat mit unabsehbaren, schlimmen Folgen, und auch innerhalb bestimmter Volksgruppen denken Menschen individuell und nicht nur in bestimmten Schemata.

Ein Beispiel: Als ich Mitte der 1990er Jahre während eineinhalb Jahren in einem ärmlichen Quartier einer tamilischen Kleinstadt eine ethnologische Feldforschung zu einem ganz anderen Thema durchführte, war der Alltag begleitet von Gesprächen zu Heiratsverhandlungen. Meine Assistentin Vanilakshmi beispielsweise, Angehörige einer sehr tiefen und ökonomisch schlecht gestellten Kaste, jedoch ausgestattet mit einem Master in Folklore Studies, war mit 26 noch unverheiratet und wünschte sich, dass ihre Familie endlich den richtigen Mann für sie finde. Zu Anfang versuchte ich sie selbstverständlich davon abzubringen und zu überzeugen, dass eine gebildete Frau wie sie sich doch ihren Mann selbst aussuchen könne, sich nicht dem Diktat der Familie unterordnen solle, und dass sowieso eine Heirat auch nicht zwingend sei. Sie jedoch sah das ganz anders. Sie fand, sie habe das Recht zu heiraten, und zudem müsse nicht sie selbst sich darum kümmern, sondern dies sei die Pflicht ihrer Angehörigen. Der Bräutigam müsse ausserdem aus derselben Kaste stammen, weil es sonst später wegen unterschiedlicher Lebensstile und Rituale nur Probleme gebe. Leider seien ihre beiden Brüder sehr faul, nervte sie sich, und strengten sich nicht wirklich an, den Passenden für sie zu suchen. Trotz des anscheinend eher bescheidenen Engagements der Familie tröpfelten nach und nach Vorschläge für Heiratskandidaten herein, die jedoch bei Vanilakshmi nie auf Gehör stiessen: Der eine hatte den falschen Beruf, der andere verlangte zuviel Mitgift, der dritte hatte eine Glatze, beim vierten lebte die Mutter noch (und würde sie als böse Schwiegermutter später drangsalieren), der fünfte hatte das falsche Horoskop, und der sechste war schon über 35, so dass man sich fragen müsse, ob er nur deshalb noch nicht verheiratet sei, weil er an einer unheilbaren Krankheit leide, die von der Familie verheimlicht werde. Meine Assistentin redete bei ihrer arrangierten Heirat klar mit, und ihre Ansprüche auf einen gebildeten, gutaussehenden, gutverdienenden Traummann mit toter Mutter, fand ich, waren nicht unbescheiden. Aehnliches beobachtete ich bei meinen Nachbarinnen im heiratsfähigen Alter. Da wurden Passphotos verglichen und Abbildungen militärischer Abzeichen mit Lupen untersucht, besuchten Brüder mögliche Schwiegerfamilien, um zu kontrollieren, ob es im Haushalt einen Kühlschrank und weitere Annehmlichkeiten habe, wurde die Mutter eines Kreuzcousins verflucht, die ihren gebildeten Sohn nicht hergeben wolle, Horoskope studiert und Charakter diskutiert. Erst wenn die "Braut" nach langen, umständlichen Recherchen der Familie einwilligte, wurde ein erstes Treffen der KandidatInnen vereinbart. Auch für Vanilakshmi konnte schliesslich der passende Mann gefunden werden, mit dem sie nun seit mehr als 10 Jahren glücklich verheiratet ist, und ich musste zu Ende meines Aufenthalts zugeben, dass die arrangierte Heirat über diese Art familiäre Heiratsvermittlungsinstitute auch ihre guten und vor allem bequemen Seiten hat. Seit rund 25 Jahren leben Menschen aus der südasiatisch-tamilischen Region, in der ich forschte, als Flüchtlinge in der Schweiz. Mit zwei Mitarbeiterinnen führte ich von 2001-03 eine Feldforschung zum sozialen Wandel bei Tamilinnen im Raum Bern durch. Während eineinhalb Jahren begleiteten wir mehr als 90 Personen der 1. und 2. Generation, vorwiegend Frauen, und ihre Familien. Die Studie zeigte, dass die erste Generation viele der mitgebrachten Lebens- und Denkweisen perpetuiert. Dazu gehört auch die arrangierte Heirat. Was uns aber erstaunte war, wie sehr die nachwachsende Generation die mitgebrachten Werte und Verhaltensweisen immer noch für sich beansprucht. Rund die Hälfte der jungen Schweizer Tamilinnen beispielsweise wünscht, dass ihre Heirat arrangiert werde. Viele sind froh darüber, dass sie den Stress der Partnersuche delegieren können. Manche wählen in einer Art Mischform den Partner selbst aus, worauf die Angehörigen die Heirat unter der Etikette "arrangiert" in die Wege leiten, mit den traditionellen Aspekten wie Verlobung und Mitgift etc. Andere junge Frauen indessen geraten in Konflikt mit den Eltern und Brüdern, weil sie ihren Lebenspartner selbst wählen möchten und sich die Wahl nicht als "arrangierte Ehe" kaschieren lässt. Die Angehörigen sind verunsichert, weil sie befürchten, aus dem tamilischen transnationalen Sozialsystem ausgeschlossen zu werden, wenn die Tochter aus der Reihe tanzt; ausserdem halten sie angesichts der hohen Schweizer Scheidungsrate die "Liebesheirat" für zu wenig stabil. Den Familien solcher "abtrünniger" junger Menschen sollte man beratend zur Seite stehen, damit sie in der Exilsituation neue Heiratsformen akzeptieren. Die anderen jedoch, die freiwillig für sich eine arrangierte Heirat beanspruchen, kann man angesichts der Harmlosigkeit und gar Vorteile ihres Modells sowie der fehlenden Erfolgsquote der Schweizer "Liebesheirat" durchaus in Ruhe lassen. Probleme, die ein Paar nach einer transnational arrangierten Heirat hat, haben im übrigen häufig weniger mit der Heiratsform, als mit unterschiedlicher Sozialisation und Isolation im Gastland zu tun: Ehen zwischen tamilischen PartnerInnen aus verschiedenen Migrationsländern mit ähnlichem, z.B. europäischem Lebensstil, funktionieren anscheinend besser als Ehen zwischen Flüchtlingen und Personen aus der srilankischen Heimat. Forschungen in Grossbritannien mit seiner langen südasiatischen Migrationstradition bestätigen dies: Junge SüdasiatInnen nachwachsender Generationen beanspruchen zwar auch dort verbreitet für sich immer noch die arrangierte Heirat oder Mischformen, verzichten jedoch angesichts derer "Rückständigkeit" lieber darauf, "rustikale" PartnerInnen aus der Heimat zu berücksichtigen. Dazu kommt, dass viele zur Heirat Eingewanderte hier sehr isoliert leben müssen und nicht in ein Tamilenquartier ziehen können, wie man sie in Kanada, Frankreich oder Grossbritannien kennt. Angesichts der Vielfalt der Faktoren, die in der komplexen Exilsituation bewirken können, ob eine Ehe glücklich wird oder nicht, reicht es nicht, die Einwanderer zur "Liebesheirat" zu zwingen. Es braucht Begleitung, Beratung und manchmal Einschreiten durch kompetente Fachleute. Im übrigen ist es nicht ganz überzeugend, als einzige Stimme der Tamilen den jungen Luzerner Politiker Lathan Suntharalingam zu erwähnen. Bis vor einiger Zeit trat er gegenüber seinen tamilischen Landsleuten noch für die arrangierte Heirat ein, macht sich nun aber in der SP für die allumfassende Integration stark und dadurch beliebt, dass er sich über diejenigen seiner Landsleute lustig macht, für die srilankische Werte auch im Exil noch eine Bedeutung haben.