Die Sezession der “Eliten”
oder wie die Demokratie gerade abgeschafft wird

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Figarovox/Tribune – Autorin Coralie Delaume analysiert die Gründe für den Bruch, den sie beobachtet zwischen den “Eliten” – einer winzigen Minderheit von Privilegierten – und der grossen Masse, die keinen Zugang hat zu prestigeträchtigen Studiengängen und nicht mitreden kann bei der Ausgestaltung der wirtschaftlichen Richtungsvorgaben der EU.

20. April 2018 – Le Figaro, von Coralie Delaume, Essayisting, Co-Autorin von “La fin de l’Union européenne” [1] und Animatorin von “L’arène nue”.

© Übersetzung: Ruth Frei & Roger Burkhardt – Weiterverbreitung unter Nennung von Autoren und Quelle erlaubt


Die Revolte der Eliten und der Verrat an der Demokratie ist der Titel eines Buches des amerikanischen Soziologen Christopher Lasch, 1995 posthum publiziert. [2] Gewiss, das Werk analysiert das Amerika seiner Zeit. Dennoch lässt es sich perfekt anwenden auf das Frankreich und das Europa von heute. Der Autor scheint die Entwicklung privilegierter Klassen mit visionärer Genauigkeit antizipiert zu haben.

Das Buch stellt die Hypothese auf, dass es nicht mehr die “Revolte der Massen” ist, die in Zukunft das demokratische Leben bedroht, sondern die immer ausgeprägterer Kluft zwischen dem Volk und den “Eliten”. Eine Kluft, die sowohl ökonomisch und materiell als auch bildungsmässig und intellektuell wächst, was zur Abschottung der Privilegierten führt. Diese sprechen nur noch mit ihresgleichen, das heisst mit jenen, die das gleiche Mass an Reichtum geniessen und in gleicher Weise mit jenen, die dasselbe Bildungsniveau haben. Sie lieben es, ihre Macht in Szene zu setzen und tun dies in tausendfacher Weise: durch das zur Schau stellen äusserer Zeichen des Reichtums, gewiss, aber mehr und mehr auch durch ihre kulturelles Erbe. Die Rede von Präsident Macron über die Künstliche Intelligenz (29. März 2018) [3] – verblüffend durch ihren pedantisch anmutenden Detailreichtum – ist dafür ein Beispiel, das ans Groteske grenzt. Im Gegenzug nehmen die “Eliten” nur noch widerwillig die Pflichten und Verantwortlichkeiten wahr, die ihnen obliegen. Stattdessen dienen sie lieber ihren wohlverstandenen Eigeninteressen als dem Interesse der Allgemeinheit, von dem sie sich nicht einmal mehr vorstellen, dass es existieren könnte.

20 Jahre nach Lasch ist das Phänomen des elitären Separatismus, das er in seinem Land aufkommen sah, zum Thema einer numerischen Studie geworden, diesmal für Frankreich. Jérôme Fourquet hat – finanziert von der Fondation Jean Jaurès – eine Note mit aussagekräftigem Titel publiziert: “1985-2017 – als die privilegierten Klassen sich abgespalten haben[4] (1985-2017, quand les classes favorisées ont fait sécession). Er erklärt insbesondere, dass der Zusammenhalt der französischen Gesellschaft durch einen Prozess beeinträchtigt wird, der für das blosse Auge fast unsichtbar ist, aber nichts desto trotz mit schwerwiegenden Konsequenzen verbunden ist: Ein sozialer Separatismus, der einen grossen Teil der obersten Schicht der Gesellschaft betrifft. Dabei werden die Möglichkeiten für Kontakte und Interaktionen zwischen den obersten Kategorien und dem Rest der Bevölkerung in Wirklichkeit immer weniger.”

Der Niedergang des nationalstaatlichen Gefüges ermöglicht den “Eliten” mehr und mehr, in einer Art alternativen Welt zu leben.

Der Forscher stellt fest, dass das Zentrum der grossen Städte heute über Investitionen im grossen Stil von Kaderleuten beherrscht wird. Gewisse urbane Zentren halten ihnen sogar den Raum frei für zukünftige goldene Ghettos. So sind die privilegierten oberen soziokulturellen Klassen (CSP+) innert 30 Jahren von 25 % auf 46 % der Pariser Bevölkerung gewachsen. Der Anteil der Arbeiter ist im selben Zeitraum von 18 % auf 7 % geschrumpft.

Jérôme Fourquet analysiert dann die Ablehung der öffentlichen Schulbildung zugunsten einer massiven Zunahme von Privatschulen für die Kinder von Kaderleuten, ferner den Wähler-Separatismus der Vermögendsten und – in den extremen Fällen – das steuerliche Exil. Dieses signalisiert die Weigerung eines Teils der Bevölkerung, das Funktionieren des gesamten Kollektivs mitzufinanzieren.

In den Augen des Autors der Studie sind wir konfrontiert mit “der Verselbstständigung eines Teils der Meistprivilegierten, die sich durch ihr gemeinsames Geschick immer weniger mit dem übrigen nationalen Kollektiv verbunden fühlen”. Man sieht tatsächlich, wie sehr das Phänomen mit dem Niedergang des nationalstaatlichen Gefüges verknüpft ist – ein Niedergang, der den “Eliten” erlaubt, immer mehr abgehoben in einer Art alternativer Welt zu leben, währenddessen alle anderen in einem Diesseits gefangen sind, das sich zunehmend in Brachland verwandelt und als Dschungel enden wird.

Fourquet ist nicht der erste, der dies feststellt. Auch der Anthropologe Emmanuel Todd tat dies gleichermassen und bietet in seinem letzten Werk “Wo stehen wir?” (Où en sommes-nous?) [5] eine überzeugende Erklärung. Für ihn ist der Bruch in der Bildung die Hauptursache: Die Entwicklung der höheren Bildung zeitigte eine unerwartete und perverse Wirkung dadurch, dass sie die Gesellschaft in zwei Kategorien von Menschen zerschnitt: in die höher Gebildeten und alle anderen. Hatte die generelle Verbreitung der primären und sekundären Schulbildung einst dazu beigetragen, das allgemeine Bildungsniveau auszugleichen und die Ausbreitung der Demokratie zu begünstigen, so unterstützen wir heute das Gegenteil. Der Grund dafür ist einfach: Die höhere Bildung hat sich (noch?) nicht allgemein verbreitet. “Der allgemeine Zugang zur Primarschule und dann zur Sekundarschule hat ein soziales Unterbewusstsein der Gleichheit genährt. Die Plafonierung der höheren Bildung hat ein soziales Unterbewusstsein der Ungleichheit geschaffen,” schreibt der Forscher.

Die Auswirkungen dieses Unterbewusstseins der Ungleichheit sind täglich wahrnehmbar. Man stellt fest, dass sich diese höher Gebildeten in ihrer Selbstzufriedenheit kaum mehr unter andere mischen – befremdlicherweise darin überzeugt, nichts und niemandem etwas zu schulden ausser ihrem eigenen Talent. Sie sind jedenfalls zahlreich genug, um im geschlossenen Schaltkreis zu funktionieren und sich nur noch an andere “Symbol-Manipulatoren” wenden zu müssen – wie der Ökonom Robert Reich die Gewinner der Globalisierung qualifizierte – an diese Diplomierten, Mehrsprachigen, Mobilen – die heimisch sind in der Domäne der Kommunikation, wo die öffentliche Meinung gebildet wird. Denn sie sind es, die – wie selbstverständlich – die Presse kontrollieren und in die Mikrophone sprechen. Sie lassen uns teilhaben an ihrer eigenen Art, die Masse jener zu erfassen, “die niemand sind” wie Macron sagen würde – oder anders gesagt: die Menschen, die nicht so sind wie sie. Sie porträtieren diese als zögerlich, fortschrittsfeindlich, auf primitive und irrationale Art feindselig gegenüber Reformen sowie jeglicher Art von Veränderung. Die “Eliten” erklären uns, dass wenn diese Leute “populistisch” wählen, sie dies täten, weil sie fremdenfeindlich seien, und wenn sie bei Referenden “falsch” abstimmen, so deshalb, weil sie die Fragen nicht verstehen.

Sollte uns diese Aufspaltung der Gesellschaft vielleicht dazu bringen, die Konturen der gesellschaftlichen Klassen neu zu überdenken? Wenn diese noch existieren (was offensichtlich zutrifft) ist die Sezession der “Eliten” nicht nur eine Realität für “Reiche” und die Eigentümer der Produktionsmittel. Sie existiert ebenso sehr für die Eigentümer eines Bildungs- und Kulturkapitals, das sich immer mehr anderswo weiter vererbt, aufgrund des Niedergangs der öffentlichen Schule und des enormen Kaufkraftverlusts der Franzosen, nach der Übernahme der französischen Supermarktkette “Mammouth”. (Nach dem Verkauf der Kette an Auchan stiegen die Preise der Grossverteiler landesweit stark an, A.d.Ü.)

Die Verarmung betrifft die Gesamtheit des Staatsapparates und der öffentlichen Dienste, wobei letztere das “Unrecht” begehen, gleiches Recht für alle zu repräsentieren, was den elitären Separatismus behindert.

Um die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der EU-Staaten zu “harmonisieren” (nach unten auszugleichen), haben die EU-Mitgliedsländer einen genialen und weltweit einzigartigen Vorwand erfunden: Die Verpflichtung, die EU-Konvergenzkriterien des Maastrichter Vertrags zu respektieren. Es ist insbsondere die Begrenzung der Haushaltsdefizite auf maximal 3 % des Bruttoinlandprodukts, in deren Namen die Eliten in den Regierungen der EU-Länder das gesamte kollektive Erbe (die kritische Infrastruktur, A.d.Ü) ruinieren und dann (an ihre eiltären Freunde, A.d.Ü) verkaufen. Das Haushaltsdefizit Frankreichs ist soeben unter die schicksalshafte Grenze gefallen (2,6 % für 2017) – und dies sogar noch bevor das Verscherbeln der staatlichen Eisenbahngesellschaft (SNFC) abgeschlossen ist.

Die gesamte Konstruktion der EU ist für die nationalen “Eliten” ein phantastisches Werkzeug, um sich ihrer Verantwortung zu entziehen.

Die gesamte Konstruktion der EU ist für die nationalen “Eliten” ein phantastisches Werkzeug, um sich ihrer Verantwortung zu entziehen. Das gilt insbesondere für die politischen Eliten, die ihren wahren Pflichten nicht nachkommen, weil sie sich losgesprochen fühlen durch die Legitimation, die ihnen das allgemeine Wahlrecht verschafft.

Die Fähigkeit, grosse Entscheidungen zu treffen, wurde massiv auf eine supranationale Ebene verlagert, die niemandem mehr Rechenschaft ablegt. So legen die Leiter der “Europäischen” Zentralbank (EZB) keine Rechenschaft ab für die (elitenfreundliche A.d.Ü) Geldpolitik, die sie betreiben.

Die EU-Kommission in Brüssel riskiert nicht, mit einem Streik konfrontiert zu werden, wenn sie sich im Rahmen des “Europäischen Semesters für die Steuerung der Wirtschaftspolitik” zu stark in die Budgets der EU-Mitgliedstaaten eingemischt hat.

Der EU-Gerichtshof riskiert keinerlei Sanktionen durch die betroffenen Bürger für seine Rechtsprechung zugunsten der wirtschaftlichen Deregulation, die er am Fliessband abliefert.

In jedem Fall hat der EU-Gerichtshof durch seine Urteile aus den 1960er Jahren die EU-Verträge auf eigene Initiative “konstitutionalisiert” (zur Verfassung erklärt). So hat er diese Verträge mit allen enthaltenen Elementen der Wirtschaftspolitik über die Gesetze in der Normen-Hierarchie der Mitgliedstaaten gestellt. Das bedeutet: Sie existieren ausserhalb der Kompetenz der Parlamente und damit der Wähler.

Die Art und Weise, wie die EU organisiert ist, hat zur Folge, dass die Wahlen auf nationaler Ebene und die Entscheidungskompetenzen auf supranationaler Ebene völlig voneinander entkoppelt sind. Dies macht aus der EU eine eigentliche Vakuumpumpe (machine de défilement – die Politiker und Volkseigentum von unten nach befördert, AdÜ) im Dienste der politischen “Eliten”, die alle Brücken zu ihren Heimatländern abgebrochen haben. Sie gleichen somit vielmehr einer Oligarchie als einer echten Elite. Im übrigen bietet die EU vielfältige Möglichkeiten der Steuervermeidung dank ihrer integrierten Steuerparadiese (Irland, Luxemburg…).

Schliesslich tragen die freie Zirkulation von Kapital und Arbeit im gemeinsamen EU-Markt dazu bei, diese beiden miteinander in Konkurrenz zu setzen zugunsten des Profits des mobilsten und schnellsten – also des Kapitals – und zum Schaden des sesshaftesten – also der Arbeit. Dies alles zur grossen Freude der Eigentümer.

In diesem Zusammenhang ist es nicht erstaunlich, dass ein auf europäische Fragen spezialisierter Politikwissenschaftler wie der Bulgare Ivan Krastev, viele Seiten seines letzten Werkes  “Le destin de l’Europe[6] (Europadämmerung [7], After Europe [8]) der Beschreibung des Phänomens “Sezession der herrschenden Klassen auf kontinentaler Ebene” widmet. Darin schreibt er: “Die traditionellen aristokratischen Eliten hatten Pflichten und Verantwortlichkeiten – und ihre Ausbildung bereitete sie angemessen darauf vor. Im Vergleich hierzu werden die neuen Eliten zum Regieren ausgebildet und sind zu allem ausser zu Opfern bereit.” Nicht einmal zu finanziellen Opfern, hätte er anfügen können. Auf jeden Fall immer weniger, da ja Steueroptimierung zu einer der beliebtesten Sportarten unserer Zeit geworden ist. Krastev fährt fort: “Die Natur und die Konvertibilität (Wandelbarkeit) der Befugnisse der neuen Eliten macht sie ganz konkret unabhängig von ihrer eigenen Nation. Sie sind weder abhängig von den nationalen Erziehungs- und Bildungssystemen (denn ihre Kinder studieren in den besten privaten Instituten), noch von den staatlichen Sozialversicherungen und -werken (sie können sich die besten Privatkliniken leisten). Sie haben die Fähigkeit verloren, die Leidenschaften und Emotionen ihrer Gemeinschaft zu teilen.”

Indem wir die Nationen hinter uns lassen und die Nationalstaaten zerstören, schaffen wir auch die Demokratie ab.

Von da her entspräche der Aufstieg dessen, was man “die Populismen” nennt, vor allem einer Suche nach Loyalität. Ferner ist der Diskurs über “Souveränität” und “Anti-Globalisierung” der genannten “Populisten” wahrscheinlich einer der Schlüssel ihres Erfolges. Er entspricht einem immer grösser werdenden Bedürfnis der Völker, ihre herrschenden Klassen wieder zu repatriieren (in die Heimat zurückzuholen), damit sie sich nicht länger absetzen (aus der Verantwortung stehlen). Dies, damit man von den Eliten wieder einfordern kann, dass sie ihre Pflichten ebenso erfüllen, wie sie von ihren Rechten profitieren – und dass sie der Allgemeinheit wenigstens einen Teil von dem wieder zurückgeben, was sie erhalten haben – also viel, z. B. die Sicherheit an Leib und Leben, an Hab und Gut, ein funktionierendes Gesundheits- und Bildungswesen etc. Schliesslich sind die Repatriierung des politischen Personals sowie die Wiederherstellung der Übereinstimmung von nationalem Mandat mit der tatsächlich praktizierten Politik das einzige Mittel, um die Ausübung einer wirksamen demokratischen Kontrolle wieder zu gewährleisten.

Ob dies möglich ist? Das Mindeste, was man sagen kann ist, dass dieser Weg bis jetzt nicht eingeschlagen wurde. Im Gegenteil: Indem man Tag für Tag die Nationalstaaten abschafft und so zugleich das Staatsgefüge zerstört, ist es die Demokratie selbst, die man abschafft.

 
 
 
 

 

die russen haben die amis militärisch überflügelt
die russen werden mit der neuen arktischen nordroute 50% des welthandels auf dem meer für sich gewinnen...
 
Russische Soldaten während der Übungen (Archivbild)
Weniger ist mehr:
Warum sich Russland im Wettrüsten als Sieger fühlen kann
© Sputnik / Ewgenij Odinokow
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Irina Alksnis
312628

Das Stockholmer Internationale Institut für Friedensforschungen (SIPRI) hat jüngst seinen neuen Jahresbericht über die globalen Rüstungsausgaben veröffentlicht. Diese sind um 2,6 Prozent auf 1,8 Billionen Dollar gestiegen, womit ein neuer Rekord aufgestellt wurde. Am Wettrüsten sind praktisch alle Länder beteiligt, die politische bzw. geopolitische Ambitionen haben. Die Rüstungsausgaben der USA sind um 4,6 Prozent gestiegen, China stockte seine Ausgaben um fünf Prozent, Saudi-Arabien um 6,5 Prozent und die Türkei sogar um 24 Prozent auf. Ganz vorne liegen nach dem Wachstum der Militärausgaben Armenien (33 Prozent), Lettland (24 Prozent), die Ukraine (21 Prozent), Litauen (18 Prozent), Tschechien (18 Prozent) und Kasachstan (16 Prozent).Vor diesem Hintergrund sieht Russland auf den ersten Blick eher bescheiden aus, das seine Militärausgaben seit vielen Jahren reduziert. 2018 findet es sich sogar außerhalb der Top 5 wieder, zu denen es seit 2006 gehört hatte. Moskaus Ausgaben für Verteidigungszwecke sind im vergangenen Jahr um 3,5 Prozent auf 61,4 Milliarden Dollar zurückgegangen. Zum Vergleich: bei den USA beträgt diese Zahl 649 Milliarden Dollar und bei China 250 Milliarden Dollar. Formell ist die Erklärung parat: Russland hat die noch in den späten 2000er-Jahren gestellte Aufgabe zur Reformierung und Modernisierung seiner Streitkräfte erfolgreich erfüllt. Dem Kreml wurde oft vorgeworfen, angesichts der zahlreichen wirtschaftlichen und sozialen Probleme viel zu viel für seine Armee (3,9 Prozent vom BIP 2018) auszugeben. Angesichts dessen kündigten die Offiziellen an, die Rüstungsausgaben würden allmählich auf 2,7 bzw. 2,8 Prozent vom BIP zurückgehen. Allerdings sei die nationale Sicherheit die allerhöchste Priorität, und deshalb müssten die auf diesem Gebiet gestellten Ziele erreicht werden. Da aber jetzt diese Aufgabe erfüllt worden ist, kann Russland es sich leisten, die Militärausgaben zu kürzen. Das passiert schon seit vier Jahren. Aber neben dieser einfachen Erklärung gibt es auch eine andere, die weniger offensichtlich, aber in Wahrheit noch wichtiger ist. Die SIPRI-Angaben zeugen davon, dass Russlands Rüstungsausgaben viel effizienter sind als die von seinen Partnern und Konkurrenten in der internationalen Arena. Die Zeiten, als die astronomischen Verteidigungsausgaben der Amerikaner atemberaubend, in einem gewissen Sinne aber auch faszinierend waren, sind vorbei. Inzwischen aber wird viel über die Fehlschläge des Pentagons geredet, beispielsweise über zahlreiche Probleme bei der Entwicklung des neusten Kampfjets F-35 und des Zerstörers Zumwalt.Vor diesem Hintergrund ist die Effizienz der Ausgaben Russlands für seine Armee einfach phänomenal. Dabei wird jedoch oft übersehen, dass die Aufgabe nicht nur darin besteht, dass die dafür bereitgestellten Gelder richtig ausgegeben werden. Noch viel wichtiger ist, dass auch die zu finanzierenden Ziele richtig festgelegt werden – und in dieser Hinsicht darf Russland durchaus stolz sein: Als die politische und militärische Führung vor vielen Jahren (spätestens in den mittleren Nulljahren) verschiedene Varianten der Modernisierung der Streitkräfte erwog, hat sie die richtige Wahl getroffen – und profitiert jetzt davon. Dabei sollte man bedenken, dass das Land damals sehr geringe Finanzressourcen hatte und große politische (sowohl äußere als auch innere) Risiken eingehen musste. Dennoch wurden Beschlüsse gefasst, die nicht nur den endgültigen Verfall der russischen Armee nach den desolaten 1990er Jahren verhindert, sondern ihren Aufstieg zu den stärksten und effizientesten Streitkräften der Welt ermöglicht haben. Moskau konnte sich damals keine zahlreichen und umfassenden Experimente leisten – es musste ganz konkrete Ziele stellen und auch erreichen, denn jeder Fehler hätte fatale Folgen haben können. Am Ende hat sich die russische Armee aber aus einem schwerfälligen und plumpen „Dinosaurier“ nach dem Zerfall der Sowjetunion in eine moderne, hochmobile Militärmaschine verwandelt, die die Methoden des so genannten „Hybridkriegs“ nahezu perfekt beherrscht.  Den Erfolg seiner Militärreform hat Moskau in den letzten Jahren in Syrien und nicht nur dort deutlich unter Beweis gestellt. Zudem sind Russland gleich mehrere Durchbrüche in der Rüstungsbranche gelungen – sowohl wissenschaftlich-technische als auch rein organisatorische. Und die Erfolge in diesen Aspekten gleichen teilweise seinen Rückstand in einigen anderen aus.

Hier sind nur einige von ihnen genannt:

  1. Elektronikkampf. Westliche Experten räumen ein, dass die russischen funkelektronischen Kampfmittel die besten weltweit sind und der Westen auf diesem Gebiet spürbar zurückliegt.
  2. Russland hat sich gegen den Ausstieg der USA aus dem INF-Vertrag absichern können. Ob „Kalibr“-Raketen oder die neusten Hyperschallwaffen – alles ist auf die Aufrechterhaltung des globalen Systems der nuklearen Eindämmung ausgerichtet.
  3. Arktis. Seit gut 20 Jahren diskutierte die Welt intensiv die wachsende politische und wirtschaftliche Rolle des Hohen Nordens im 21. Jahrhundert. Als das aber Realität geworden ist, stellte sich heraus, dass die Russen dort ein umfassendes Verteidigungssystem eingerichtet haben (von Eisbrechern und Militärstützpunkten bis zur neuesten Ausrüstung für seine Militärs) und dass niemand mit ihnen Schritt halten kann.

Angesichts dessen wird der SIPRI-Bericht noch deutlicher, und die zahlreichen Erklärungen der russischen Staatsführung, Moskau würde sich nicht in ein neues Wettrüsten verwickeln lassen, werden noch gewichtiger. In den letzten Jahren hat sich die Welt daran gewöhnt, dass Moskau seine operativ-taktische Überlegenheit gegenüber dem Westen zeigt, und zwar in ganz verschiedenen Regionen (von der Krim bis hin nach Syrien, von der Zentralafrikanischen Republik bis hin nach Venezuela), wobei auch der militärische Faktor eine wichtige Rolle spielt. Vor dem Hintergrund dieser Erfolge wird aber oft übersehen, dass Russland seine potenziellen Gegner auch strategisch überspielt. Aber es ist ja nicht umsonst, dass der Westen Moskau oft genug vorwirft, es hätte die Regeln und Methoden des „Hybridkriegs“ viel zu gut beherrschen gelernt.


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Russlands Station der „Krassucha“-Serie (Archiv)

Komplette Abdeckung:
Russland steckt Arktis unter funkelektronische Kuppel

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Der russische Teil der Arktis wird mit einem funkelektronischen Schirm abgedeckt: Die Nordflotte hat die entsprechenden Arbeiten zur Ausrüstung des Zentrums für funkelektronischen Kampfführung abgeschlossen. Die Langstreckensysteme „Murmansk-BN“ und die Stationen der „Krassucha“-Serie des Zentrums werden demnächst mit neuesten Komplexen „Diwnomorje“ vervollkommnet, wie Quellen im Verteidigungsministerium informierten. Da die Komplexe „Murmansk-BN“ auf der Halbinsel Kamtschatka stationiert sind, werden sie die gesamte Nordostpassage abdecken. Sie werden Hindernisse für Kommunikations- und Navigationssysteme der Schiffe, U-Boote und Flugzeuge der potenziellen Gegner schaffen, die Russlands Staatsgrenze verletzen. Dadurch können ihre Aktivitäten ohne Waffeneinsatz behindert werden. Derzeit stehen diese einmaligen funkelektronischen Kampfsysteme der Nord-, der Pazifik-, der Baltischen und der Schwarzmeerflotte zur Verfügung, die sie in den letzten fünf Jahren erhalten haben. Die neuesten Waffen wurden bereits erfolgreich getestet. Dabei wurde der hohe Ausbildungsstand des Bedienpersonals der Anlagen bestätigt: Das Zentrum für funkelektronische Kampfführung auf Kamtschatka wurde als einer der besten Truppenteile dieser Waffengattung im Militärbezirk Ost und der Pazifik-Flotte anerkannt. Die in Seweromorsk (Gebiet Murmansk) und auf Kamtschatka aufgestellten Komplexe decken die gesamte Nordostpassage ab. Sie liegen unweit ihrer Schlüsselpunkte – von der Bering- und der Karastraße – und garantieren die Sicherheit dieser „Schwachstellen“ des Verkehrswegs.

Nichttödliche Waffe
Vor den funkelektronischen Kampfmitteln in der Arktis stehen zwei Aufgaben: die Sicherheit der Schifffahrt in der Nordostpassage zu gewährleisten und die Region im funkelektronischen Bereich zu kontrollieren, so der Militärexperte Viktor Murachowski. „In den letzten Jahren wird viel Wert nicht nur auf die Navigations- und die hydrographische Sicherheit sowie auf Rettungseinsätze gelegt, sondern auch auf die rein militärische Sicherheit der Arktis“, betonte er. „In diesem Raum wurden Flugplätze eingerichtet; es wird ein System zur Beleuchtung in der Luft, am und unter dem Wasser entwickelt, die die ganze Region abdecken soll. Funkelektronischer Kampf ist Teil dieser ganzen Arbeit. Das Interesse für die Nordostpassage wird immer größer, und zwar nicht nur seitens Russlands. Im vorigen Jahr erschien dort das französische Schiff ‚Rhone‘ ohne jegliche Benachrichtigung. Das Ziel dieses Einsatzes war laut dem Kapitän, ‚Informationen über diese Region zu sammeln‘. In der Perspektive könnte sich die Nordostpassage als wichtigster Verkehrsweg zwischen Europa und Asien etablieren. Dort könnten bis zu 50 Prozent aller Güter zwischen Europa und Asien für Hunderte Milliarden Dollar befördert werden.“

„Soft Power“ der „Murmansk“-Waffe
Der automatisierte funkelektronische Kampfkomplex „Murmansk-BN“ könnte eine nahezu ideale nichttödliche Waffe zur Bekämpfung der Kräfte werden, die Russlands Staatsgrenze im Hohen Norden verletzen wollen. Seine Reichweite beträgt etwa 5000 Kilometer und könnte unter Umständen auf 8000 Kilometer erhöht werden. Dabei ist dieser Komplex schon jetzt in jeder möglichen Hinsicht besser, als alle früheren Modelle. Der „Murmansk“-Komplex sammelt automatisch Informationen über Signalquellen im Kurzwellenbereich, klassifiziert sie und bestimmt, welche Hindernisse für diese oder jene Quelle geschaffen werden könnten. Und dann wird das gegnerische Schiff, U-Boot oder Flugzeug die Verbindung mit der Außenwelt verlieren. Sehr wichtig ist auch, dass der „Murmansk“-Komplex enorm mobil ist. Eine solche Anlage wird mit sieben Lastwagen transportiert. Sie verfügt über starke Teleskop-Mastantennen und dehnbare Niederfrequenz-Antennen. Eine Mastantenne kann eine Höhe von 32 Metern erreichen. Dadurch können die Einsatzgebiete leicht und schnell geändert werden.

„Diwnomorje“ eilt zur Hilfe
Über den modernsten funkelektronischen Kampfkomplex „Diwnomorje“ ist vorerst wenig bekannt. Im Unterschied zur vorigen Generation dieser Waffen („Moskwa-1“, „Krassucha-2“ und „Krassucha-4“) wird er mit einem großen Schleppwagen befördert, so dass seine Mobilität maximal ist. Seine Reichweite beträgt mehrere Hunderte Kilometer. Diese Waffe ist für den Kampf gegen AWACS-Systeme der Typen E-3, E-2 Hawkeye und E-8 JSTAR geeignet, wie auch gegen Hubschrauber und Drohnen, Marschflugkörper und Satellitenradarsysteme. Die Zentren für funkelektronischen Kampf bestünden aus mehreren Bataillonen und einzelnen Kompanien, sagte der Militärexperte Dmitri Boltenkow. „Sie verfügen über ein umfassendes Spektrum von funkelektronischen Kampfmitteln.“ Zu den Komplexen „Murmansk-BN“ sagte er: „Wenn sie auf den Halbinseln Kola und Kamtschatka aufgestellt werden, könnten sie die Kurzwellenverbindung die gesamte Nordostpassage entlang ausschalten. Und solche Kampfmittel wie ‚Krassucha-4‘ können die Satellitenverbindung, die GPS-Navigation und Kommunikationskanäle mit unbemannten Flugapparaten eindämmen. Dann wäre der potenzielle Gegner blind, taub und stumm. Und das wäre für ihn ein Anlass, nachzudenken: ‚Es wurde eben die Kommunikation eingedämmt, und gleich könnte eine Rakete fliegen. Und niemand wird jemals erfahren, was hier eigentlich passiert ist‘.“ Die russischen Streitkräfte in der Arktis können auch jederzeit zusätzlich verstärkt werden, so Experte Boltenkow weiter. Mit Landungsschiffen und Flugzeugen könnten nach seinen Worten  funkelektronische Kampfmittel operativ auf die Insel Kotelny (Franz-Josef-Land) gebracht werden.

Russland nimmt die Nordostpassage intensiv unter seine Kontrolle. Anfang dieses Jahres hat die russische Regierung die Regeln formuliert, die ausländische Kriegs- und Hilfsschiffe einzuhalten haben. Jetzt müssen sie Moskau 45 Tage im Voraus über ihre Pläne informieren, in der Nordostpassage zu erscheinen. Zudem müssen sie unbedingt russische Lotsen an Bord nehmen. Unter Umständen können ihre Anträge auch abgelehnt werden, falls das jeweilige Schiff keinen nötigen Eisschutz hat oder die Besatzung keine Navigationserfahrungen im Hohen Norden hat.


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Das russische Gasverflüssigungsprojekt Yamal LNG (Archivbild)

Garantie des besten Preises:
Russland verdrängt USA vom europäischen LNG-Markt

© Sputnik / Ewgenij Odinokow
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Alexander Lesnych
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Im Februar hat Russland 19 Flüssiggas-Partien zu europäischen Terminals geschickt, berichtete die Agentur Reuters. Insgesamt waren es mehr als 1,41 Mio. Tonnen – ein absoluter Rekord. Womit die USA auf die russische Expansion in Europa reagieren können und wer die besseren Karten in diesem Konkurrenzkampf hat – das lesen Sie in diesem Artikel.

Außer Konkurrenz
Indem Europa gezwungen wurde, Flüssiggasterminals zu bauen, erwiesen die Amerikaner Russland einen guten Dienst. Im Februar lieferte der private russische Gas- und Ölproduzent Novatek rekordhohe 1,41 Mio. Tonnen nach Europa, wobei Katar als Hauptversorger Nummer eins verdrängt wurde. Dabei verfehlten die USA, die nur neun Flüssiggas-Partien in Höhe von 0,64 Mio. Tonnen nach Europa lieferten, sogar den Sprung in die Top 3 und blieben sogar hinter Algerien und Nigeria zurück. Laut Novatek-Finanzdirektor Mark Gyetvay hat die Firma es geschafft, dank eines niedrigen Selbstkostenpreises bei der Produktion zu den wichtigsten Lieferanten auf dem europäischen Flüssiggasmarkt aufzusteigen.  Die Förderung von einer mmBtu (Million British Thermal Unit – Million Britischer Wärmeeinheiten) kostet in Russland zehn Cents, während es in den USA drei Dollar sind. Dieselbe Situation ist auch bei dem Prozess der Verflüssigung zu beobachten – 50 Cent für eine mmBtu gegenüber drei Dollar.....


 

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Ölförderung in Colorado (Archivbild)

US-Fracking-Boom schon wieder vorbei:
Versiegende Quellen, verschreckte Investoren

© AP Photo / David Zalubowski
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Natalja Dembinskaja
472251

Den US-Schieferölfirmen gehen die Geldquellen aus. Im vergangenen Jahr gingen die Investitionen an der Wall Street in die Fracking-Branche im Vergleich zu 2016 um das Doppelte zurück. Im Vergleich zu 2012 gingen die Investitionen sogar um zwei Drittel zurück. Wegen der fehlenden Finanzierungsmittel kürzen die Schieferölförderer nun ihre Budgets und rechnen mit Preiserhöhungen. Laut BP-Chef Robert Dudley fehlt der Fracking-Industrie ein „Gehirn“, um die Preise zu lenken. Was auf dem Schieferölmarkt los ist – das lesen Sie in diesem Artikel.


Abkehr vom Dollar: Schärfster Waffe der USA geht die Munition aus
 

 
 
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Goldbarren (Archivbild)

Die Gold-Falle:
Wie Russland und China die Dollar-Hegemonie stoppen wollen

© Sputnik / Pawel Lisizyn
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Natalja Dembinskaja
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Analysten in den USA haben mittlerweile scheinbar bereits verstanden, warum Russland und China ihre Goldvorräte unablässig auffüllen. Auf diese Weise wollen Moskau und Peking nämlich die Spielregeln in der Weltwirtschaft ändern und die Dollar-Hegemonie beenden. Das Anhäufen von Gold soll dabei den Preis für das Edelmetall nach oben treiben und die Papierwährungen in „Pokerkarten“ verwandeln. In diesem Artikel lesen Sie, wie Russland und China versuchen, den Westen in die Gold-Falle zu locken....

 

 
mit der EU in den abgrund
wieder einmal gute aufklärung über unsere geschichte. die EU war von anfang an ein konsturkt der amerikanischen kriegstreiber. das mir EU und frieden in europa ist alles nur psychologische kriegsführung...
 
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Die Europäische Union, auf kurze und auf lange Sicht
von Thierry Meyssan | Bejrút (Libanon)

Die Bürger der Europäischen Union, die ihr Parlament am 25. und 26. Mai wählen werden, bereiten sich vor, die falsche Wahl zu treffen. Mit Blick auf ihre unmittelbaren Probleme zögern sie zwischen verschiedenen Prioritäten. Wenn sie stattdessen ihre Geschichte über einen langen Zeitraum analysierten, würden sie den Ursprung ihrer sozialen, wirtschaftlichen und politischen Probleme erkennen und zweifellos anders darüber entscheiden.

Am Ende des zweiten Weltkrieges im Jahre 1947 entwarf Botschafter George Kennan die Politik der Eindämmung (Containment) [1] und Präsident Harry Truman baute die Organe der Staatssicherheit auf (die CIA, ständiger gemeinsamer Ausschusses des Stabchefs und den Nationalen Sicherheitsrat) [2].

Washington und London wandten sich dann gegen Moskau, ihren Verbündeten von gestern. Sie fassten die Schaffung einer gemeinsamen angelsächsischen Nationalität ins Auge, und beschlossen, Westeuropa auf ihre Fahne zu setzen, durch die Schaffung der "Vereinigten Staaten von Europa" unter ihrer Kontrolle.

Es handelte sich für sie darum, den Teil von Westeuropa, den sie besetzten, gegenüber dem von den Sowjets besetzten Osteuropa zu stabilisieren. Sie genossen die Unterstützung der Bourgeoisien, insbesondere jener, die mit der Nazi-Achse kollaboriert hatten, weil sie durch die neue Legitimität der kommunistischen Parteien, den hauptsächlichen siegreichen Kräften an Seiten der Sowjetunion, den Kopf verloren.

Sie stützten sich auf den Traum eines französischen Offiziers, Louis Loucheur: die Vereinigung der Verwaltung von Kohle und Stahl, die für die deutschen und französischen Waffen-Industrien nötig war, damit sie nicht mehr gegeneinander Krieg führen könnten [3]. Es war die EGKS (Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl), Vorfahre der Europäischen Union.

Im Zusammenhang mit dem Krieg zwischen den beiden koreanischen Staaten beschloss Washington, West-Deutschland gegenüber Ost-Deutschland wieder zu bewaffnen. Damit die entstehenden Vereinigten Staaten von Europa eine gemeinsame Armee verwalteten, aber nicht wagten, sie in eine unabhängige Streitkraft umzuwandeln und damit sie im angelsächsischen Griff verblieb, wurde die Westeuropäische Union (WEU) geschaffen. Sie war für die Außenpolitik und die gemeinsame Verteidigung verantwortlich.

Die Beziehungen zwischen London und Washington verschlechterten sich während der Suez-Krise 1956. Die Vereinigten Staaten, die stolz darauf waren, zu den Befreiern des nationalsozialistischen Jochs zu zählen, konnten die Art und Weise nicht akzeptieren, in der London sein ehemaliges Kolonialreich verwaltete. Sie rückten Moskau näher, um das Vereinigte Königreich zu sanktionieren.

Es war nicht mehr die Rede von der Schaffung einer gemeinsamen angelsächsischen Staatsangehörigkeit und der Einfluss von London in der Welt glitt unaufhaltsam in die Arme von Washington. Das Vereinigte Königreich entschied sich daher, den sich bildenden Vereinigten Staaten von Europa beizutreten.

Charles De Gaulle lehnte das ab. Es war ja absehbar, dass die Versöhnung zwischen London und Washington auf Kosten jeglicher politischen Macht der sich bildenden Vereinigten Staaten von Europa gehen würde und sie in eine transatlantische Freihandelszone einbeziehen würde. Westeuropa würde entmannt sein und ein Vasall von Washington gegen "die Russen" werden. [4].

Da de Gaulle nicht ewig an der Macht blieb, trat das Vereinigte Königreich schließlich diesen anti-russischen Vereinigten Staaten von Europa im Jahr 1973 bei. Es verwandelte, wie erwartet, die Europäische Gemeinschaft in eine Freihandelszone, durch die Einheitliche Europäische Akte, und ebnete den Weg für die transatlantischen Verhandlungen.

Es ist die Zeit der "vier Freiheiten" (in Anlehnung an die Rede von Roosevelt von 1941): der freie Verkehr von Waren, von Dienstleistungen, Personen und dem Kapital. Die internen Zölle werden nach und nach aufgehoben. Unmerklich setzten die Angelsachsen ihr Modell der Multi-Kulti-Gesellschaft durch, die man mit der europäischen Kultur für unvereinbar hielt.

Erst als die Sowjetunion im Jahr 1991 aufgelöst wurde, ging das Projekt des Jahres 1947 dann in Erfüllung. Washington beschloss, die Brüsseler Organisation in eine supranationale Struktur zu verwandeln und die Nationen des Warschauer Paktes in sie aufzunehmen. Das bedeutete, diese anti-russische „Europäische Union“ unter den Schutz der NATO zu stellen und ihr jegliche politische Rolle zu verbieten.

Es ist der US-Außenminister James Baker und nicht die Europäer, der die Öffnung zum Osten und den Vertrag von Maastricht bekannt gab. Die Struktur von Brüssel verwandelte sich: die 15 Nationen des westlichen Nachkriegs-Blocks erweiterten sich um die 13 Nationen des ehemaligen Warschauer Paktes, die WEU wurde aufgelöst und eine hohe Vertreterin für die gemeinsame Außen-und Sicherheitspolitik und die gemeinsame Verteidigung wurde ernannt - immer unter angelsächsischer Kontrolle und durch den Vertrag von Maastricht verriegelt -, und dann wurde eine europäische Staatsangehörigkeit geschaffen.

Washington plante dann, London dem NAFTA Bündnis (North American Free Trade Agreement) einzuverleiben [5] und, dass gemäß der Planung des Jahres 1947 eine angelsächsische Staatsangehörigkeit geschaffen werde. Es ist dieses Projekt, das das Vereinigte Königreich dazu gebracht hat, aus der Europäischen Union auszutreten und welches Theresa May jenseits des Atlantiks, in den verstörten Vereinigten Staaten, die gerade Donald Trump gewählt hatten, vergeblich zu verteidigen versuchte.

Der Brexit, falls er stattfinden sollte, würde nichts an der Abhängigkeit der Union ändern, die durch die Verträge in Marmor gemeißelt waren. Die Dinge würden einfach wieder so werden, wie sie in 1947 geplant waren, als Churchill Vereinigte Staaten von Europa ohne das Vereinigte Königreich befürwortete [6].

Die Bilanz

Die Geschichte der Europäischen Union zeigt, dass diese Organisation nie im Interesse der Völker Europas entwickelt wurde, sondern gegen Russland.

Das ist der Grund, warum Wladimir Putin im Jahr 2007 in die Europäische Union kam, um seine durchschlagende Rede in München zu halten [7]. Er erinnerte die Europäer daran, dass ihr wirtschaftliches und politisches Interesse sowie ihre ethischen Anforderungen mit Moskau übereinstimmten und nicht mit Washington. Alle hörten ihm zu, aber niemand nahm seine Unabhängigkeit wahr.

Es gelang der Europäischen Union während Jahrzehnten, den wirtschaftlichen Wohlstand zu sichern, aber nicht nach der Auflösung der UdSSR. Die EU ist jetzt im Rückstand: seit 2009 (d.h. nach der globalen Finanzkrise von 2008) haben die Vereinigten Staaten ein Wachstum von + 34% erzielt, Indien: + 96%, China: + 139%, während die Europäische Union um 2% gesunken ist.

Die Europäische Union hat es jedoch nie geschafft, den Armen zu helfen um sich zu befreien. Sie kann bestenfalls planen, Hilfsmittel zu geben, damit die Bedürftigen nicht an Hunger sterben.

Schließlich hat die Europäische Union vor allem nie für den Frieden gekämpft, sondern nur für ihre angelsächsische Herrschaft. Sie hat alle US-Kriege unterstützt [8], selbst den Krieg gegen den Irak, den Frankreich und Bundeskanzler Schröder ja angeprangert haben. Sie überlässt feige ihre Mitglieder ihrem Schicksal: ihr eigenes Territorium, im Nordosten von Zypern, wird durch die türkische Armee, Mitglied der NATO, besetzt, ohne je den geringsten Protest geäußert zu haben.

Die Zukunft

Am 25. und 26. Mai wird die antirussische Europäische Union ihr Parlament wählen, ohne dass man weiß, wie lange die Briten ihren Sitz dort haben werden.

Die Völker brauchen viel Zeit um zu reagieren: Wenn es während des Kalten Krieges noch legitim war, ein bestimmtes Lager einem anderen vorzuziehen, und für manche, eher den Angelsachsen zu dienen, als einem Georgier [9], ist es heute absurd, ihnen weiterhin zu gehorchen, um sich vor einer nicht vorhandenen "russischen Gefahr" zu schützen.

Nach einem Dreivierteljahrhundert des Vasallentums zögern die gegen die europäischen Verträge eingestellten politischen Parteien, ihre Prioritäten festzulegen: sollen sie zunächst ihre Unabhängigkeit von den Angelsachsen einholen, oder ihre Kultur gegen die der Araber und Türken verteidigen? Nun, das zweite Problem hat seinen Ursprung im Ersten und nicht umgekehrt.

Es ist hier nicht die Rede von einer Pseudo-Überlegenheit einer Kultur über eine andere, noch von Religion, sondern es geht darum, die Unmöglichkeit festzustellen, dass zwei verschiedene soziale Ordnungen nicht nebeneinander in der gleichen Gesellschaft koexistieren können. Einfacher ausgedrückt, man kann nicht Sonntag und Freitag zugleich feiern.

Es ist ihrer Abhängigkeit geschuldet, dass die Europäer sich eine Multi-Kulti-Gesellschaft ausgedacht haben. Sie funktioniert nicht bei ihnen. Und nur unabhängig wird es ihnen gelingen, ihre europäische Kultur zu retten.


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Die neuen Gebiete von Daesch

Obwohl es keinen Grund mehr für die Spaltung der Dschihadisten zwischen Al-Kaida und Daesch gibt, bestehen die beiden Organisationen im Erweiterten Nahen Osten im Krieg fort. Paradoxerweise ist es jetzt Al-Kaida, die einen Pseudostaat verwaltet, die Provinz Idlib, und Daesch, welches Attentate ausserhalb der Schlachtfelder, im Kongo und in Sri Lanka, organisiert.

Die Befreiung des von Daesch als Staat verwalteten Gebietes ist nicht das Ende der dschihadistischen Organisation. Wenn Daesch auch eine Kreation des NATO-Geheimdienstes ist, verkörpert es in der Tat eine Ideologie, die die Dschihadisten mobilisiert und das Ende des Daesch-Staates überleben kann.

Al-Kaida war eine Hilfsarmee der NATO, die in Afghanistan kämpfte, dann in Bosnien und Herzegowina, und schließlich im Irak, in Libyen und in Syrien. Ihre Haupttätigkeiten sind Kriegshandlungen (unter dem Namen “Mudschahidin”, der “arabischen Legion” oder anderen mehr), und hilfsweise, aber weniger verdeckt, terroristische Operationen wie in London oder Madrid.

Osama Bin Laden, offizieller Staatsfeind Nummer 1, lebte in Wirklichkeit in Aserbaidschan unter dem Schutz der USA, wie es eine Wistleblowerin des FBI bezeugt hat [1].

Erinnern wir uns, dass Al-Kaida sich niemals zu den Anschlägen vom 11. September in New York und Washington bekannt hat, dass Osama Bin Laden erklärt hat, nicht darin verwickelt zu sein, und dass das Video, in dem er sich selbst widerspricht, nur von seinem Arbeitgeber, dem Pentagon, authentifiziert wurde, aber von allen unabhängigen Experten für gefälscht gehalten wurde.

Während Osama Bin Laden laut den pakistanischen Behörden im Dezember 2001 gestorben und der MI6 bei seiner Beerdigung vertreten gewesen sein soll, spielten andere Leute seine Rolle bis 2011, als dann die Vereinigten Staaten behaupteten, ihn ermordet zu haben, aber seinen Körper nie zeigten [2].

Der offizielle Tod von Osama Bin Laden half seine durch ihren bösen Anführer verlorenen Kombattaten zu rehabilitieren, so dass die NATO sich in Libyen und Syrien offenbar auf Al-Kaida stützen konnte, wie sie es auch in Bosnien und Herzegowina getan hatte [3].

Daesch ist stattdessen ein Projekt der Verwaltung eines Gebietes, des Sunnistan oder des Kalifat, das den Irak von Syrien trennen sollte, so wie es eine Forscherin des Pentagons, Robin Wright, vor der Gründung der Organisation an Hand von Karten erklärte [4]. Es wurde direkt durch die Vereinigten Staaten während der Operation " Timber Sycamore" finanziert und bewaffnet [5]. Daesch beeindruckte besonders durch die Inkraftsetzung eines bereits fertigen Gesetzes, der Scharia.

Dass die Dschihadisten von Al-Kaida und Daesch im Irak und in Syrien besiegt wurden, ist zunächst auf den Mut der syrischen arabischen Armee zurückzuführen, dann auf die russische Luftwaffe, die Bomben mit hoher Durchschlagskraft gegen die unterirdischen Einrichtungen der Kämpfer eingesetzt hat und schließlich dank ihrer Verbündeten. Aber dass der militärischen Krieg [6] zu Ende ging, ist Donald Trump zu verdanken, der verhinderte, dass man weiterhin neue Dschihadisten aus allen Ecken der Welt, vor allem aus der arabischen Halbinsel, aus Nordafrika, China, Russland und schließlich aus der Europäischen Union heranschaffte.

So sehr Al-Kaida nur eine paramilitärische Proxy-Truppe der NATO ist, so sehr ist Daesch eine alliierte Landstreitkraft.

Während Daesch das Gebiet verloren hat, für das es zusammengestellt wurde, ist es paradoxerweise Al-Kaida, die ein soches verwaltet, obwohl sie gegen diese Art von Belastung war. Die Syrer haben die verschiedenen dschihadistischen Hochburgen in ihrem Land zurückgedrängt und die Krankheit in die Provinz Idleb verlegt. Unfähig mit dieser Art von gelegentlichen Verbündeten zu brechen, haben Deutschland und Frankreich sie in humanitärer Hinsicht, Ernährung und Gesundheit unterstützt. Wenn die Europäer also heute über die Hilfe sprechen, die sie den syrischen Flüchtlingen zukommen lassen, muss man ihre Unterstützung für die Mitglieder von Al-Kaida verstehen, die in der Regel weder Zivilisten noch Syrer sind. Übrigens ändert der Abzug der US-Soldaten aus Syrien nicht viel, solange sie ihre Söldner von Al-Kaida in Idlib beibehalten.

Da Daesch seines Territoriums beraubt wurde, können seine Überlebenden nicht mehr die Rolle spielen, die ihm vom Westen zugewiesen wurde, sondern nur eine mit der von Al-Kaida vergleichbaren Funktion: die einer terroristischen Miliz. Übrigens praktizierte der islamische Staat bereits den Terrorismus ausserhalb des Schlachtfelds, wie man ihn in Europa bereits seit 2016 erlebt hat.

Die Attentate die Daesch vor kurzem, am 16. April im Kongo [7] beging, oder am 21. April in Sri Lanka [8], wurden von niemandem vorausgesehen, auch nicht von uns. Sie hätten auch der einen oder der anderen Organisation zugeschrieben werden können. Der einzige Vorteil von Daesch gegenüber Al-Kaida ist sein barbarisches Image, obwohl dies nicht wird andauern können.

Dass Daesch in der Demokratischen Republik Kongo plötzlich auftauchen konnte, ist der Tatsache zuzuschreiben, dass es seine Flagge den "demokratischen alliierten Kämpfern” von Uganda anvertraut hat.

Dass Daesch es gelungen war, in Sri Lanka aufsehenerregend zu handeln, kommt daher, dass die Nachrichtendienste vollkommen gegen die Hindu-Minderheit eingestellt waren, und die Muslime nicht überwachten. Vielleicht war es auch deshalb möglich, weil diese Dienste von London und Tel Aviv ausgebildet worden waren, oder aufgrund der Opposition zwischen dem Präsidenten der Republik, Maithripala Sirisena, und dem Premierminister, Ranil Wickremesinghe, die die Kommunikation der Geheimdienste behinderte.

Sri Lanka ist besonders anfällig, weil es sich für zu gesittet hält, um eine solche Bestialität hervorbringen zu können. Was aber falsch ist: das Land hat noch immer nicht geklärt, wie mehr als 2000 Tamil-Tiger hingerichtet wurden, obwohl sie sich nach ihrer Niederlage im Jahr 2009 ergeben hatten. Jedes Mal also, wenn man sich weigert, seine eigenen Verbrechen zu analysieren, und wenn man sich für zivilisierter hält als andere, besteht die Gefahr andere zu begehen.

Wie auch immer, die Dramen im Kongo und in Sri Lanka zeugen davon, dass die Dschihadisten die Waffen nicht niederlegen werden und dass der Westen sie weiterhin ausserhalb des Erweiterten Nahen Osten benutzen wird.